WOHIN TREIBT DAS THEATER?
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
Sie finden unter ihren Sitzen Schwimmwesten. Bitte legen Sie sie im Notfall
an. Sie füllen sich automatisch mit Luft. Geraten Sie nicht in Panik,
Rettung naht.
Wirklich? Nein, wir sollten aufhören, uns zu beruhigen.
Wie ich auf dieses Katastrophenszenario komme? Wo doch Darmstadt nicht
am Meer liegt sondern eher einer Betonwüste gleicht?
Der Titel dieser Veranstaltung evoziert diese Assoziation; und in einer
Akademie für Sprache und Dichtung wird er wohl bewusst gewählt
sein, nehme ich an. Auf jeden Fall beschreibt er exakt und sehr sinnbildlich
die Situation, in der wir uns momentan befinden.
'Wohin treibt das Theater?' ist die Einladung zu dieser Veranstaltung
überschrieben. Es steht dort nicht: Wohin geht das Theater? Wer geht,
kann die Richtung seines Gehens bestimmen und es kann ihm ein Leichtes
sein beim Gehen den Boden zu berühren. Er kann an Scheidewege kommen,
er kann in Sackgassen enden, er kann sich verlaufen, er kann umdrehen,
er kann neue Wege finden, vom Weg abkommen, rückwärts gehen,
vielleicht sogar auf den Händen gehen, er kann gehen soweit die Füße
ihn tragen, er kann den Gang der Dinge mitbestimmen.
Wenn dagegen etwas treibt oder getrieben wird, verhält es sich genau
umgekehrt. Im Wörterbuch findet sich der schöne Beispielsatz:
'Das Schiff treibt steuerlos auf dem Wasser'. Ein Theater das treibt,
ist führungslos. Niemand hält das Ruder in der Hand. Es überlässt
sich den Strömungen, die Ufer sind fern, die Klippen sind nah. Vielleicht
zerschellt es, vielleicht stürzt es die Wasserfälle hinab, vielleicht
treibt es im Dschungel der Möglichkeiten dem Herz der Finsternis
zu? Vielleicht müsste man, es zu retten, manches über Bord werfen.
Vielleicht es, wie Fitzcarraldo, über einen Berg setzen.
Das Schiff, das unser Theater ist, ist sehr luxuriös ausgestattet,
die Kapitänskajüten versprechen alle Annehmlichkeiten. Sicher,
im Maschinenraum schließen die Ventile nicht mehr ganz, die Zahnräder
greifen nicht ineinander, die Hydraulik ist eingerostet und die Heizer
spielen Karten, weil die nächste Schicht ausbleibt. Der Maschinenraum
sieht zwar gut aus, der Ruß, die blätternden Wände, der
Rost, die derillierende Elektronik, fast wie ein Bühnenbild. Aber
es gibt kaum Geld für Ersatzteile, es kracht allerorten, bricht auseinander,
die Improvisation erschöpft sich. Doch die Offiziere sitzen in der
Messe und feiern ihr Lamento, während das Schiff treibt, dahintreibt,
davontreibt, wegtreibt von den bewohnten Ufern und Häfen. Der Fluss
ist ja da, er hat eine Richtung, er fließt abwärts, und alle
Flüsse fließen ja irgendwann ins Meer. Wozu sich also sorgen?
Wollen wir nicht alle zum Meer?
Vielleicht trieb es das Theater zu lange zu bunt oder zu grau. Vielleicht
braucht es das Getriebensein, vielleicht braucht es ja vor allem die Behauptung,
der Fluss fließe nach oben und der Anker hängt am Mast.
Aber vielleicht betreiben wir das Theater nur noch, anstatt es voranzutreiben.
Natürlich haben wir uns auf unserem Traumschiff all die fetten Jahre
nicht um Rettungsboote bemüht. Wozu auch: wer über Bord ging,
ging über Bord. An den Häfen kamen ja immer wieder junge Matrosen
an Bord, die zwar kein Segel setzen konnten, aber doch viel Wind machten.
Aber nun, so wie es aussieht, werden wir wohl schwimmen und in manchem
auch Synchronschwimmen müssen, um nicht völlig abzusaufen. Obwohl
es unter Wasser wohl das schönste Theater gibt, und ganz umsonst.
Ich glaube, wir begannen mit einem Fährschiff, vielleicht einem Einbaum
und unsere Aufgabe war es, die Ufer zu kreuzen, überzusetzen. Wir
nahmen die Neugierigen und die Autoren und ihre Text vom bekannten zum
unbekannten Ufer mit. Unsere Reise war immer ein Abenteuer. Wir mussten
die Untiefen und Stromschnellen kennen, die Wetter des Himmels, die Tragfähigkeit
des Bootes, die Richtung des Windes. Es war ein Wissen, das von Generation
zu Generation weitergegeben wurde, geflüstert von Ohr zu Ohr. Sicher
oft fielen auch wir ins kalte Wasser und es stand uns bis zum Hals. Aber
das hat uns nicht abgeschreckt. Die Menschen, die wir ans andere Ufer
brachten, sahen Dinge, die ihre Augen leuchten ließen, ihre Angst
wachsen, ihren Mut steigen. Sie kamen verändert zurück. Manche
kamen nie zurück, manche immer wieder.
Mit der Zeit glich unser Boot aber immer mehr einem Unterhaltungsdampfer,
einem Eventliner, den man schon von weitem lärmen hört und irrleuchten
sieht. Viele von uns haben sich zu Animateuren umschulen lassen und sind
Amateure geblieben. Denn es lief ja alles voll automatisch. Das Spielcasino
war voll, das Geld floss wie der Fluss.
Aber die Decks haben sich geleert, die Menschen blieben aus und zogen
uns die Fernsehkanäle vor. Viele Linien wurden eingestellt, die Werften
geschlossen. Und das Schiff schlingert und schlingert, bis es seinen Kurs
verliert, es treibt, treibt dahin.
Wohin treibt das Theater, wohin treibt es uns?
Ich kann nur für mich sprechen und versuchen darzustellen, worin
ich denke, dass die Ursachen für diese Entwicklung liegen. Sicherlich
werden sie vielen von Ihnen nicht unbekannt sein, aber man muss sie, solange
sich nichts gravierend ändert, immer wieder ins Bewusstsein rufen.
Wir sind hier geladen in eine Akademie für Sprache, also beginnen
wir mit der Sprache, der Sprache auf dem Theater, der Sprache der Stücke.
Theater macht Sprache sichtbar. Es spricht mit mehreren Sprachen, es ist
polyphon, es flüstert, es schreit, es kann alle Saiten eines Textes
anschlagen, es übersetzt Sprache in Körper, Gesten, in das Unausgesprochene,
in das Verschwiegene, in Bewegung, in Pausen, in einen Blick, aus dem
der Augenblick entsteht. Es übersetzt das Kopftheater des Lesens
in ein Theater für Köpfe, es leiht dem Text den Herzschlag des
Schauspielers. Doch vor der Sprache des Regisseurs, muss die Sprache des
Autors stehen, der Respekt vor dem Geschriebenen, vielleicht sogar ein
Hauch von Demut.
Regie beginnt für mich mit dem Lesen, mit Lektüre, Regie beginnt
mit einer Reise zwischen den Zeilen, eine Reise an die Satzenden. Es ist
leider keine Selbstverständlichkeit mehr zu lesen, genau zu lesen,
wieder zu lesen, mit Zeit zu lesen, und daraus folgt die Unverständlichkeit
des Textes in der Umsetzung. Wir sind uns zu schnell zu sicher, dass wir
verstehen, was da geschrieben steht. Theater ist Konflikt. Der erste Konflikt
ist der mit dem Text, ist das Eingeständnis der Frage, die Erfahrung
des Scheiterns und die Lust des Entdeckens. Das Aufregende dabei ist:
Ein Stück ist nicht wie eine mathematische Gleichung zu lösen.
Es bleiben immer eine oder mehrere Unbekannte oder, um mit Brecht zu sprechen:
Du musst eine Rechung machen mit allem, das du weißt, die nicht
aufgeht. Das ist der Motor des Suchens, denn der Subtext will unter die
Haut der Schauspieler und ins Sichtbare.
Theater beginnt für mich mit einer Verunsicherung. Regie ist Übersetzung.
Sie übersetzt aus einer fremden Sprache, und für jedes Wort
gibt es eine Unendlichkeit an Möglichkeiten. Doch das Bewusstsein
der Möglichkeit muss vor der Entscheidung stehen.
Nehmen Sie die Klassiker. Wir lesen sie und glauben, sie zu verstehen.
Wenn wir zu fragen beginnen, merken wir, dass wir, je mehr wir fragen,
immer weniger verstehen. Hier beginnt die Arbeit. Nur wenn ein Schauspieler
weiß, was er sagt, hat der Zuschauer die Chance, ihn zu verstehen,
zu verstehen, was er sagt und teilzuhaben am Reichtum der Sprache.
Texte, die diese eigenen Grenzerfahrungen nicht ermöglichen, langweilen
mich. Texte müssen einen auf Proben immer wieder überraschen.
Wenn sie gut sind, sind sie immer klüger als der, der sie inszeniert
und selbst als der, der sie geschrieben hat. Viele Regisseure nehmen sich
wichtiger als den Text, sie genügen sich selbst. Mir kann das nicht
genügen. Wenn ich nicht hinter einem Text stehe, kann ich nicht mit
ihm arbeiten. Und wie könnte ich dann meine Schauspieler verführen,
hinter ihm zu stehen?
Hinzukommt, dass, was die Arbeit mit Klassikern betrifft, wir nicht mehr
selbstverständlich davon ausgehen können, dass das Publikum,
und vor allem das junge Publikum, die Stücke kennt, die wir dort
auf der Bühne verhandeln. Sie kennen alle Picassos Zeichenserie des
Stiers. Die erste Zeichnung ist nahezu photographisch genau. Die letzte
nur ein Strich, der in sich alles trägt, was der Stier ist- man spürt
fast körperlich die Dynamik der Muskeln. Doch wir können die
Qualität der Abstraktion erst erkennen und schätzen, wenn wir
wissen wovon abstrahiert wurde. Das Wissen des Publikums, seine Kenntnis
der Stücke und ihres Bedeutungshorizontes ermöglicht uns eine
Freiheit der Interpretation und des Zugriffes, die fortschreitend mit
der Bildungskrise und der medialen Verdummung verloren geht. Denn ohne
ein Basiswissen über das, was dort auf der Bühne verhandelt
wird, spielt jede Anspielung auf den klassischen Bildungskanon oder den
historischen Rahmen des Stückes ins Leere.
Unsere neuen Referenzmedien sind das Kino und das Fernsehen. Das muss
man nicht bewerten, aber aus diesem Faktum erwächst uns die Pflicht,
ein Erbe zu bewahren, das zu verschwinden droht. Das hat nichts mit musealem
oder konservativem Theater zu tun, das ist kein Plädoyer gegen einen
modernen Zugriff. Die Modernität eines Klassikers erschließt
sich aber erst, wenn man ihn freilegt. Dies geht nur, wenn man ihn und
seine Konflikte ernst nimmt. Versteht man Klassiker nur als Material,
als Titel, die leichter die Häuser füllen, da es ja kein unbekanntes
Stück ist und die Schulklasser sicher in die Theater hineingetrieben
werden - macht man es sich so einfach, verrät man beides, das Stück
und das Publikum.
Würden die Menschen noch lesen, wäre es einfacher, dann müsste
man sich diese Gedanken nicht machen. Oft aber werden Klassiker nur mit
einer zeitgenössischen Hülle versehen, einem Design das wichtiger
ist, als das Sein des Stückes, und alles wird wegnivelliert, was
uns nachhaltig irritieren könnte, weil es in unserem Leben nicht
mehr verankert ist: sei es die Religion, sei es die Moral, sei es das
Tabu, die Utopie oder andere furchtbar unzeitgemäße Themen.
Wir passen uns der Ästhetik der Medien an, suchen einen Wiedererkennungseffekt,
der Erfolg verspricht, statt Irritation, Verunsicherung. Und wir bedienen
uns dabei oft der Mittel, die im Fernsehen besser aufgehoben sind, weil
sie dort auch professioneller beherrscht werden.
Das Theater hat das Privileg der Zeit und der teilweisen ökonomischen
Unabhängigkeit. Es hat die Pflicht, solang man es sich mit Steuergeldern
leistet, dass zu erproben, auszuloten, das an einem anderen Ort so nicht
stattfinden kann. Es ist ein Wahrnehmungskorrektiv, es lässt eine
einzige Wahrheit und Lesart nicht zu, es ist im besten Falle eine Schule
des Sehens, sprich des Erkennens.
Wir alle sind beim Theater, weil wir Aufführungen gesehen haben,
die uns verändert zurückließen, die uns zwangen, unser
Leben mit anderen Augen zu betrachten, die uns verführten zu Erkenntnis.
Die uns auch provozierten durch eine Haltung. Heute kann die Provokation
nurmehr in der inhaltlichen Schärfe liegen, in der Überforderung,
in der Zumutung, denken zu müssen. Auch das kann unterhaltend sein.
Wir machen leicht den Fehler, dass wir das Publikum für dümmer
und weniger belastbar halten, als es ist. Da gleichen wir uns zunehmend
den Programmdirektoren des Fernsehens an, dem Quotenirrsinn. Und Theateraufführungen
im Fernsehen haben naturgemäß die schlechteste Quote, weshalb
viele legendäre Theaterabende einfach verschwinden. Hier versagt
das öffentlich rechtliche Fernsehen an seinem Auftrag und seiner
Zielsetzung. Aus einem Missverständnis heraus. Denn ich bin fest
davon überzeugt, dass es eine Sehnsucht des Publikums gibt nach dem
anderen, nach einer Gegenerfahrung zur täglichen Berieselung. Natürlich
braucht man am Theater Zeit, Geduld, Standhaftigkeit.
Viele Regisseure, die wir heute lieben, sahen ihre Inszenierungen am Anfang
vor leeren Zuschauerreihen spielen. Sie füllten die Theater für
lange Zeit nicht. Ihre Suche nach einer neuen Ästhetik, nach neuen
Darstellungsmöglichkeiten wurde vom Publikum zunächst als Zumutung
empfunden, da die Regisseure durch ihren anderen Zugriff auf Theater Erwartungen
und gewohnte Sehweisen enttäuschten, Unverständnis und Widerspruch
provozierten. Doch mit der Zeit und durch die Konsequenz der Arbeit wurde
für das Publikum die Qualität dieser neuen Sichtweisen erfahrbar.
Natürlich verlangte dies etwas vom Publikum, zumindest und zuallererst:
Neugier und Offenheit.
Theater verweigert sich dem passiven Konsum, es verlangt auch Arbeit auf
der Seite des Zuschauers, die im besten Falle mit Erkenntnis oder positiver
Verunsicherung belohnt wird. Diesen Mut, das Neue zu riskieren und ihm
die nötige Zeit, sich durchzusetzen zu geben-, diesen Mut müssen
wir uns leisten. Doch der schnelle Erfolg ist vielen Theatermachern wichtiger.
Leider ist es überhaupt eine unschöne Tendenz, dass sich in
unserem Betrieb viele Protagonisten immer wichtiger nehmen als das Eigentliche,
um das es gehen sollte. Was zur Folge hat, dass es oft um nichts mehr
geht. Also um nichts als sich selbst oder um nichts anderes als um eine
Personalityshow und den Big Event. Und wir alle sekundieren freudig dem
Sekundären.
Das zerfrisst und befällt das Theater wie Metastasen. Wir sitzen
alle im selben Boot, wir sind alle ansteckbar. Natürlich fühlt
sich keiner gemeint. Jeder ist der andere, der ganz anders ist und dabei
am liebsten Ich sagt.
Nehmen wir die Kritik, das Feuilleton. Es ist heute nur noch in der seltensten
Fällen möglich, anhand einer Kritik sich eine Vorstellung davon
zu machen, was auf der Bühne tatsächlich stattgefunden hat.
Vielmehr schafft sich der Kritiker selbst eine Bühne, in dem er Autor,
Regisseur, Bühnenbildner und Schauspieler zugleich ist, also der
wahre Gesamtkünstler. Kaum ein Kritiker vermag noch die Leistung
eines Schauspielers zu beschreiben, sein Spiel, die Anlage seiner Rolle,
die Besonderheiten seiner Sprachbehandlung, seine Körpersprache,
seinen Tonfall. Schauspieler kommen meistens nur in Klammern, Superlativen
oder Beleidigungen vor.
Eine gute Kritik sollte vor der Wertung, die notwendig ist, dem Zuschauer,
die Möglichkeit geben, das, was sichtbar war, auch zu sehen, einen
Eindruck davon zu gewinnen, was geschah. Der Leser will die Kriterien
nachvollziehen, die zum abschließenden Urteil führen, das naturgemäß
so hart sein kann wie nötig. Der Kritiker muss sich selbst einklagbar
machen durch die Transparenz seiner Argumente und ästhetischen Vorstellung.
Für einige Kritiker sind Theaterabende aber nur Assoziationsfelder,
um ihre eigene Sprachmächtigkeit zu demonstrieren, ihren selbstverliebten
Witz, ihr Vorurteil. Denn meistens ist das Urteil bereits gefällt
und die Augen registrieren nur, was dem eigenen Sprachkunstwerk in die
Tasten spielt. Noch bedenklicher aber ist die Tendenz, wenn die Theaterkritik
nichts mehr anderes als Politik macht. Wenn es darum geht, durch Denunziation
und Schmähung, Schauspieler, Regisseure, Autoren zu vernichten, sie
lächerlich zu machen- und wir alle lachen darüber, denn es liest
sich ja alles ganz amüsant, wenn man nicht gerade selbst betroffen
ist und mit den Unterstellungen leben muss. Kritiker versuchen zu Intendanten
zu werden, Spielpläne zu bestimmen. Oder sie erschöpfen sich
darin, Kämpfe auszutragen mit ihren Kollegen. Dies alles hat aber
nichts mehr mit Kritik zu tun. Die Leser können meisten diese Kritiken
überhaupt nicht mehr decodieren, weshalb sie sich auch nicht mehr
dafür interessieren. Die Entscheidung des Publikums für ein
Stück hat sich von der Kritik emanzipiert. Es findet kein Dialog
mehr statt, weder mit dem Publikum noch mit den Theaterschaffenden. Eine
Kritik kann produktiv sein, sie kann und muss die entscheidenden Fragen
stellen. Wenn sie aber nur Politik macht oder sich auf Kosten anderer
als Originalgenie feiert, dann geht sie als Partner, als Gegner, als kritischer
Beobachter verloren. Und das ist ein Verlust für das Theater, das
immer das Gegenüber braucht.
Doch die Theater machen sich trotzalledem vom Feuilleton abhängig.
Denn die Kritik entscheidet über Regisseure und Autoren. Die eigene
Entscheidungs- und Beurteilungskompetenz wird delegiert, denn die Außenwirkung
zählt. Sie ist schließlich via Feuilleton das Bewerbungsschreiben
an das nächstgrößere Theater.
Das trifft auch direkt die Autoren. Sie müssen keine Angst haben,
nicht uraufgeführt zu werden, denn Uraufführungen garantieren
eine überregionale Aufmerksamkeit und Presse, für das Theater
und die Regisseure. Spielt man dagegen Stücke nach, kommt keiner.
So gehen viele Stücke unter, die das Pech hatten bei ihrer Uraufführung
an die Wand inszeniert worden zu sein und deshalb in der Kritik durchgefallen
sind; sie verschwinden einfach ohne eine zweite Chance, die wir uns doch
alle immer im Leben wünschen. Die Autoren müssen also neue Stücke
schreiben, um dann wiederum mit dem Vorwurf konfrontiert zu sein, zu viel
zu schreiben, sich keine Zeit zu nehmen. Sie werden verbrannt, ebenso
wie junge Regisseure. Nur niemand fühlt sich verantwortlich. Es gibt
in unserem doch so menschlichen Theater keine Sorgfaltspflicht.
Das Theater braucht eben Frischfleisch für das Aufmerksamkeitsdiktat.
Also müssen immer mehr und immer jüngere Regisseur und Autoren
auf die Rampe getrieben werden. An Nachhaltigkeit ist kaum jemand interessiert.
Nachhaltigkeit verlangt Konsequenz, Arbeit, Geduld, Risiko. In den Verlagen
wird kaum noch mit den Autoren gearbeitet, man hat oft den Eindruck, als
würden die Stücke nur in größere, schönere Umschläge
umgeschichtet und dann wie sie im Verlag ankamen weiter verschickt. Ein
Lektorat findet nur in den seltensten Fällen satt. Es fehlt ja die
Zeit, das Geld, das Personal. Und, das machen doch dann eh die Dramaturgen
und Regisseure, die ja sowieso mit dem Text machen, was sie wollen, ihn
umschreiben, ergänzen, collagieren, bis zur Unkenntlichkeit streichen-
warum sich da um ein Wort, einen Satz kümmern, Stunden über
ihm sitzen?
Viele Stücke bleiben unter dem was sie sein könnten, sie spielen
ihr Potential nicht aus. Es fehlt den Autoren an Partnern. Würden
Theatertexte mehr veröffentlicht, gäbe es vielleicht eine höhere,
produktive Hemmschwelle. Denn, was gedruckt in einem Buch steht, verschwindet
nicht wie eine Aufführung, wenn sie abgespielt ist. Der Text bleibt
kritisierbar, überprüfbar, er muss der Zeit und dem Leser standhalten;
und das ohne die Übersetzungshilfe des Regisseurs. Auch kann das
Stück eine Öffentlichkeit und Resonanz jenseits des Uraufführungstheaters
erreichen.
Doch die Tendenz geht im Gegenteil dahin, dass die Verlage ihre Theaterreihen
bis zur Unkenntlichkeit reduzieren oder ganz einstellen. Das ist nicht
nur als kultureller Verlust zu beklagen, es geht vielmehr dadurch auch
eine Chance verloren: Die Möglichkeit, die Arbeit, den Zugriff des
Regisseurs zu beurteilen, ins Verhältnis und den Konflikt mit dem
Original zu setzen.
Aber natürlich braucht man die jungen Autoren. Es gibt ja ein erfreuliches
Interesse, geradezu einen Hunger nach neuer Dramatik. Die Menschen suchen
in den Zeiten der Krise und Gefährdung mehr denn je nach Antworten
und Fragen, nach einer Benennung, Spiegelung und Transformation ihrer
Probleme. Und ein Theater kann es sich fast nicht mehr leisten, sich nicht
mit junger Dramatik zu profilieren. Natürlich nur für ein Wochenende
oder einen Event lang: wenn dann das Theater für ein paar Tage überquillt
mit jungen Menschen und einem Publikum, das leider dann bei den Repertoirvorstellungen
neuer Stücke ausbleibt. Man sollte sich fragen, warum.
Bei den jungen Autoren kommt es geradezu zu einem Workshoptourismus, zu
Werkstattstars. Da werden dann oft Stücke gefeiert, die dann doch
nicht auf die Bühne kommen, weil jeder sagt: kennen wir ja schon,
ist schon durch, das nächste bitte. Die Autoren haben nicht mehr
die Zeit oder Notwendigkeit eine eigene Sprache zu erschaffen, eine Ästhetik,
die nicht sofort um Umsetzbarkeit und Kompatibilität buhlt, sondern
sich aus der Notwendigkeit des Stoffes und der eigenen Vision entwickelt.
Neue Stücke brauchen Kanten. Nach all den Workshops kommen sie nur
noch abgeschliffen daher. Es ist eine Alibi, sich nur auf diese Weise
um Autoren zu kümmern.
Wäre es nicht sinnvoller ohne Öffentlichkeitsgarantie sich für
einen Autor oder zwei zu entscheiden und mit ihnen konzentriert zwei Jahre
zu arbeiten? Auch, wenn die Gefahr besteht, dass es am Ende zu keiner
Uraufführung kommt, keinem überregionalen Pressespiegel?
In solch einer intensiven, streitfreudigen Zusammenarbeit läge eine
große Chance für das Theater, für die Autoren, für
die Regisseure. Tiefenschärfe statt Oberflächenreize wäre
hier das Potential.
Aber es ist im Theater wie in der Gesellschaft, wie in der Politik. Auch
wir haben unser Pisa, unsere ganz eigene Schieflage, wenn es um Bildung
und die Bildung der Herzen, der Sinne geht. So wie wir beklagen, dass
unsere Kinder beklagenswert ausgebildet werden, so gehen wir auch mit
unserm Theaternachwuchs um. Angesichts der desolaten Wissenserosion kommt
dem Theater ein neuer Bildungsauftrag zu, ein Begeisterungsauftrag für
das Wissen, das Fragen, für das Fremde.
Und, wir müssen in die Schulen gehen, die Autoren müssen in
die Schulen gehen. Wir müssen das Gespräch und die Anregung
suchen, uns in Frage stellen lassen. Fragen: warum geht ihr nicht ins
Theater oder warum geht ihr ins Theater. Es ist ja erfreulicherweise so,
dass die jungen Menschen meistens begeistert vom Theater sind, auch, wenn
im Theaterdunkel permanent die Handys aufleuchten. Aber selbst darin liegt
eine neue Chance, denn sie bekommen ein neues Verhältnis zu Sprache
und Verschriftlichung. Man kann mit all dem etwas machen.
Es ist nicht alles verloren, es ist vielmehr eine Frage der Vermittlung
und Anziehung. Da sind wir gefragt, da müssen wir kreativer werden.
Uns eben nicht treiben lassen.
Das Theater muss wieder eine moralische Anstalt werden. Es muss Haltung
zeigen gegen die Beliebigkeit, es muss sich angreifbar machen durch Entschiedenheit.
Moral meint nicht die Überheblichkeit der Theaterschaffenden, die
so leicht glauben, auf der richtigen Seite zu stehen, die Avantgarde der
Gesellschaft zu sein. Moral ist nicht billig zu haben. Moral meint das
zwischenmenschliche Verhalten einer Gesellschaft zu denken, zu formen.
Moral meint, sich einzumischen, einzusetzen, angreifbar zu machen. Moral
heißt sich erinnern, das Theater als Gedächtnis zu begreifen
für das Verlorenen und das Wiederzufindende.
'Dahin also wär' es gekommen? Dahin? Und ein Augenblick zertrümmerte,
was wir in Jahren bauten? Und Sie so ruhig? so gelassen?' Lassen Sie die
Luft aus den Westen, die Trockenübung ist zu Ende, jetzt geht es
an die Arbeit. Und vielleicht ist der Fluss, auf dem wir so dahintreiben
ja nur eine Pfütze, wenn auch der Abgrund der Welt. Wie wir ihn überwinden
können, können wir von Büchner lernen, und auch die Konsequenz:
Aber gehen Sie ins Theater!
Biographische Notiz
(Entnommen der Seite Regieporträts des Goethe-Instituts)
Geboren am 31.10.1952 in Rieden / Füssen. Aufgewachsen in Darmstadt.
1971-1973 Literaturstudium in Heidelberg. Regieassistenz am Heidelberger
Theater, danach wechselte sie mit Intendant Peter Stoltzenberg nach Bremen,
dort Regieassistentin bei David Esrig und Christof Nel. Erste Inszenierung:
„Die verzauberten Brüder“ von Jewgeni Schwarz (1975).
Weitere Inszenierungen in Wiesbaden, Bochum, Hamburg und Berlin. Nach
dem Misserfolg mit Lessings „Emilia Galotti“ 1981 an der Freien
Volksbühne Berlin Rückzug nach Zürich, Arbeit mit Schauspielschülern.
Intendant Ulrich Brecht holte sie 1983 ans Freiburger Theater, wo sie
mit García Lorcas „Bernarda Albas Haus“ einen überragenden
Erfolg feierte. Sie wurde dafür in der Kritikerumfrage von „Theater
heute“ zur Regisseurin des Jahres gewählt.
Nächste Stationen waren Bochum (1986-1989) und Wien (1990 und 1992).
Von 1992 bis 1997 künstlerische Leiterin der Berliner Schaubühne
am Lehniner Platz. Nach Auseinandersetzungen mit dem Ensemble erklärte
sie ihren Rücktritt und wechselte 1999 als Hausregisseurin ans Wiener
Burgtheater.
Andrea Breth wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem 1987 mit dem
Fritz-Kortner-Preis und 2003 mit dem Nestroy-Preis für „Beste
Regie“. Sie ist Mitglied der Akademie der Darstellenden Künste
in Frankfurt am Main und der Akademie der Künste Berlin.
Das Theaterportal dankt Frau Breth für die freundliche
Überlassung des vollständigen Redetextes!
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