In Tschechows «Onkel Wanja» sorgen sich die Menschen darüber, was zukünftige Generationen über sie denken. In Michel Houellebecqs «Elementarteilchen» blickt eine zukünftige Gattung auf die Menschen zurück. Auf den 1998 erschienenen Roman wurde so heftig reagiert wie selten. Für zynisch wurde er gehalten, für faschistisch; dabei ist er eine Erzählung des Mitleids über die letzten Jahrzehnte der Menschheit. Er widmet sich ausführlich Themen, die uns Angst machen: dem Sterben, der Pein des Älterwerdens, dem Verlust von Schönheit und sexueller Potenz. Dem Kult des Individuums in der westlichen Zivilisation und der gentechnologischen Erlösung der Menschen von sich selber. Erzählt wird aus der Perspektive einer zukünftigen Gattung intelligenter Lebewesen, die gegenüber den Menschen den Vorteil haben nicht mehr zu sterben - es sei denn eines unnatürlichen Todes. Mit der Zurückweisung des Todes ist das Bedürfnis sich voneinander zu unterscheiden und sich durch Rivalitäten zu definieren verschwunden, die sexuelle Lust ist sozusagen allumfangend, weil sie nicht mehr auf den Geschlechtsverkehr aus Fortpflanzungsgründen beschränkt ist. Erzählt wird vom Leben zweier Halbbrüder, die Ende der fünfziger Jahre geboren werden, verschiedene Väter haben, bei unterschiedlichen Grosseltern aufwachsen und von einer enthemmten 60er-Jahre- Mutter vernachlässigt wurden. Der eine ein sexsüchtiger und nie befriedigter Lehrer, kaputte Ehe, kaputter Beruf, ein kluger Beobachter der Jetztzeit, ein Schreiber; der andere ein asketisch lebender Biologe, ein Gentechniker, der am Leben und den allgemeinen Gefühlen nicht teilnimmt, sein Leben der Forschung gewidmet hat und der eben jene revolutionäre Erfindung macht, Wesen zu klonen, die nicht mehr altern und sterben müssen. Beide sind traurige Menschen, die in der Mitte ihres Lebens noch einmal die Chance bekommen zu lieben und glücklich zu sein. Beide Lebensgeschichten werden durch den Tod der Frauen abgebrochen. Der eine Bruder verdämmert den Rest seines Lebens in einer Nervenklinik, der andere erfindet die Unsterblichen und bringt sich um.
Mit der Zukunftsgattung hat Houellebecq eine raffinierte Beobachterperspektive geschaffen, aus der er über uns und heute erzählt und die Gesellschaften der westlichen Zivilisation, ihren Masochismus, ihre brutalen Existenzkämpfe, ihre Konsumverblödung beschreibt und kommentiert und darin einige sehr anrührende Lebens- und Liebesgeschichten erzählt, die sich nie erfüllen können.
Johan Simons wird diesen Roman mit André Jung, Sylvana Krappatsch, Robert Hunger-Bühler, Yvon Jansen und Chris Nietvelt in einer Bühnenfassung von Tom Blokdijk und einem Bühnenbild von Jens Kilian theatralisieren. Seine Grundannahme: Die Personen auf der Bühne und das Publikum sind in der Zukunft und erinnern sich an sich selbst als Menschen.
Johan Simons gehört mit der von ihm 1985 gegründeten Truppe ZT Hollandia zu den prägendsten europäischen Regisseuren. Seine Inszenierung «Der Fall der Götter» tourt um die ganze Welt, vor kurzem hatte sein umjubelter «Richard III.» in Eindhoven Premiere. Bislang hat er zweimal im deutschsprachigen Theater gearbeitet, mit seiner Münchner Inszenierung von Heiner Müllers «Anatomie Titus» wurde er dieses Jahr zum Theatertreffen Berlin eingeladen. Wir freuen uns, dass es Johan Simons ist, der unsere Zürcher Theaterzeit beschliesst mit einer Arbeit, die von der Zukunft erzählt.
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