| Scuderi
Ein "RockMusikTheater" (UA) nach E.T.A. Hoffmann von den Bananafishbones und Gil Mehmert
Paris 1680. Unerkannt geht eine Mörderbande um und versetzt
die Bürger der Stadt in Angst und Schrecken. Im Visier der
Täter sind häufig adlige Galane auf dem Weg zur
Geliebten. Trotz berittener Polizei und Sondergerichtshof -
eingerichtet vom Sonnenkönig Ludwig XIV - gelingt es nicht,
der Täter habhaft zu werden. Dunkle Mächte scheinen
die Stadt zu beherrschen. Ahnungen, Befürch-tungen wabern
durch die Gassen. Jeder weiß etwas, keiner weiß
genug. Polizeichef Desgrais ist verzweifelt, weil ein Täter
sich quasi vor seinen Augen in Luft auflöst. Wenn
nächtens an eine Tür geklopft wird, werden die
Bewohner starr vor Schreck. Die Kavaliere der Stadt bitten den
König um zusätzliche Schutzmaßnahmen.
Mademoiselle Scuderi, die bei Hofe hohes Ansehen genießt,
wird vom König um ihre Meinung gefragt. Sie antwortet mit
einem beinahe scherzhaften Vers: „Un amant qui craint les
voleurs, n’est pas digne d’amour“.
(„Ein Liebender, der die Diebe fürchtet, ist der
Liebe nicht würdig“).
Und plötzlich laufen alle Fäden des komplizierten
Kriminalfalls beim noblen Fräulein Scuderi zusammen. Sie wird
zur Drahtzieherin der Aufklärung. Mit kühlem Kopf und
heißem Herzen trägt sie Sachverhalte zusammen. Sie
bleibt unbeeindruckt von geheimnisvollen Schmuckgeschenken und vertraut
stattdessen ihrer Menschenkenntnis, auch wenn die Indizien
erdrückend sind. Dank ihrer hohen Reputation bei Hofe kann sie
verhindern, dass der unter Verdacht geratene junge Olivier Brusson und
seine Geliebte Madelon vorschnell zum Tode verurteilt werden. Sie will
sich das Unvorstellbare nicht vorstellen. Sehr genau hört sie
den beiden jungen Leuten zu und findet so die richtige Spur zum
Täter: Es ist René Cardillac, der
berühmteste Goldschmied seiner Zeit, zu dessen Kunden die
gesamte Hofgesellschaft zählt. Getrieben von undurchsichtigen
Kräften im Innern, gequält von Obsessionen und
dämonischen Kräften ist ihm der Gedanke, dass fremde
Leute seine Kunstwerke dazu benützen, um ihrer Eitelkeit zu
schmeicheln und ihre Liebesabenteuer
„aufzuhübschen“, unerträglich.
Deshalb holt er sich in der Dunkelheit zurück, was er tags
kunstvoll gefertigt hat.
RockMusikTheater
Mit dieser Gattungsbezeichnung sind alle Ingredienzien des Abends
angegeben. Ausgangspunkt der Arbeit war die 1819
veröffentliche Novelle DAS FRÄULEIN VON SCUDERI von
E.T.A. Hoffmann. Darauf beruht das Libretto von Gil Mehmert. Als
Arbeitsmodell diente die Idee eines Konzeptalbums. Im Zentrum steht die
Band. Mittels ihrer Songs wird die Geschichte um das Fräulein
von Scuderi fortlaufend erzählt. Die Geschehnisse der
dramatischen Handlung entfalten sich durch die spezifische musikalische
und textliche Kraft jedes einzelnen Songs, die von Rock und lyrischem
Liebeslied bis zum Falsett-Trio und melodramatischem Duett reichen und
von den BANANAFISHBONES speziell für die Schauspieler der
SCHAUBURG - Produktion geschrieben wurden.
Die besondere Erzählform in E.T.A. Hoffmanns Novelle wurde
beibehalten. Das heißt, die verschachtelte
Erzählstruktur, bei der alle am Verlauf der Geschichte
Beteiligten in Erinnerungs-Zeitsprüngen und
Rückblenden davon berichten, welche Aspekte der
mysteriösen Mordgeschichte ihnen bekannt sind, blieb
unverändert.
In einem „Gil-Mehmert-Feuerwerk“ aus Musik,
Choreographie, Glam-Rock-Outfit, Stepp-Nummer, Folterszene,
Liebesschwüren, Gitarrenriffs, Bassläufen,
Glockenspiel, Pferdekutschfahrt, Schlagzeugwirbeln und
Akkordeonorchester nehmen sechs SchauspielerInnen und die drei Musiker
der BANANAFISHBONES das Publikum mit auf eine Reise ins Paris des 17.
Jahrhunderts, in eine Welt okkulter Kräfte,
Allongeperücken, dunkler Abgründe des Seelenlebens,
geheimer Wissenschaften und scheinbar unaufklärbarer Morde.
Das Leben soll tanzen
Die Zeit E.T.A. Hoffmanns ist eine lese- und schreibwütige
Epoche. Wo junge Leute heute die grenzenlose Welt mit Hilfe des
Internets entdecken, diente der Jugend damals die Literatur als
Möglichkeit der geistigen Grenzöffnung in Opposition
zu Schule und Elternhaus. Pädagogen und Kulturkritiker waren
alarmiert, weil sich die Phantasien eines Lesenden jeder Kontrolle
entziehen. Von der Literatur ging eine faszinierende, das Leben
inszenierende Kraft aus, die sowohl für
„große“ Literatur galt wie für
Unterhaltungstexte. Hoffmann konnte Paris beschreiben, obwohl er es nie
gesehen hat. Für seine Geschichte benützte er
Literatur und seine Phantasie. Literatur sollte das Leben zum Tanzen
bringen. „Ich kehre in mich selbst zurück und finde
eine Welt.“ Dieser Satz aus Goethes Werther wurde
für E.T.A. Hoffmann zum Lebensmotto. „Er und seine
Generation drehten die Formulierung um: Wenn wir uns selbst erkennen,
erkennen wir die ganze Welt. Wir konstruieren die Welt aus den Formen
unseres Geistes.“ (Rüdiger Safranski)
Die Parallelen zur Gegenwart liegen auf der Hand. Heute sind es nicht
mehr Bücher, die der Jugend die Welt erschließen,
sondern das Word-Wide-Web. Die Suche bleibt gleich. Man will sich
spüren, man sucht den Kick in einem Leben, das
durchorganisiert und belanglos ist. Das Leben soll zum Tanzen gebracht
werden.
Dennoch kann es interessant und weltöffnend sein,
zurück in die Vergangenheit zu blicken. E.T.A. Hoffmann,
selbst ein Kind wechselvoller politischer Zeiten, geprägt
durch die napoleonischen Kriege, das Nebeneinander von Rokoko und
Klassizismus, von Romantik und Aufklärung, von Reformen und
Restauration, hat in den Gegensätzlichkeiten des ausgehenden
17. Jahrhunderts in Frankreich die der eigenen Epoche wieder erkannt.
Er wählte für seine Erzählung eine
Gesellschaft in der Krise, weil er das eigene gesellschaftliche Umfeld
als krisenhaft empfand. Dieser Gedankenbogen lässt sich ins
Heute verlängern. Heftige wirtschaftliche und
gesellschaftliche Verwerfungen prägen seit kurzem den
Zeitgeist. Zukunft heißt Ungewissheit. Wo eben noch
Geldströme unvorstellbaren Ausmaßes flossen,
herrscht innerhalb kürzester Zeit blanke Verzweiflung. Die
Frage nach Recht und Unrecht, nach Arm und Reich, Macht und Ohnmacht
müssen neu definiert werden. Ist heute ein kluges
Fräulein von Scuderi mit Menschenkenntnis, Mut und
Gehör in den Zentren der Macht in Sicht?
E.T.A. Hoffmann
Ernst Theodor Amadeus Hoffmann (1776 – 1822) war nicht nur
Dichter, sondern auch Dirigent, Komponist, Bühnenbildner und
Zeichner. Ein Universalkünstler und Jurist, der im Leben wie
in seiner künstlerischen Selbstverwirklichung Phantasie und
Wirklichkeit verbinden musste. Fast sein ganzes Leben war er gezwungen
in preußischem Staatsdienst zu arbeiten, obwohl er sich vor
allem als Komponist verstand. Erst spät gewinnt er als Autor
Anerkennung für die damals sehr populären
Taschenbuch- und Almanacherzählungen, die er mit schneller
Feder zu Papier brachte.
Die Verbindung von Phantasie und Wirklichkeit prägte sowohl
sein eigenes Leben wie auch seine Erzählkunst. Wer sich darauf
nicht einlassen kann - weil er in der Wirklichkeit festklebt oder ganz
in der Phantasie versunken ist - der erlebt nicht das Faszinosum der
Verwandlung, die für Hoffmann das Zentrum des Lebendigen war.
Der Alltag erlaubte - und erlaubt - die Verwandlung nicht. Die
bürgerliche Gesellschaft braucht Menschen, die eine dauerhafte
und darum berechenbare Identität herausgebildet haben, die
sich beherrschen können. Hoffmann, der von Zeitgenossen als
übernervöser, quirliger Gnom beschrieben wurde, der
als Mitglied der Kommission zur Ermittlung hochverräterischer
Umtriebe die Freilassung Inhaftierter forderte, war fasziniert von
doppelgesichtigen Wesen.
Mit Vorliebe stellte er Menschen in den Mittelpunkt seiner Geschichten,
die verstrickt sind in seelische Konflikte, in Spannungen zwischen
Edelmut und Verbrechen. Mit diesen tiefenpsychologischen
Vielschichtigkeiten war er seiner Zeit weit voraus.
Gil Mehmert
Er studierte zunächst Musik in Köln und absolvierte
anschließend die Regieausbildung bei August Everding an der
Musikhochschule in München. Inzwischen hat er fast 100
Inszenierungen gemacht: Oper und Musical ebenso wie Komödie
und Drama. Seit 2003 lehrt er als Professor im Bereich Musical an der
Folkwang-Hochschule in Essen.
Im selben Jahr machte er seine erste Inszenierung an der SCHAUBURG.
Seit dieser Zeit wollte er immer eine Rocktheater-Produktion
für Jugendliche machen. Stattdessen erzielte er Erfolge mit
„Ein Blick von der Brücke“ (Arthur
Miller), „Die Weber“ (Gerhart Hauptmann) und
„Der Besuch der alten Dame“ (Friedrich
Dürrenmatt). Nun endlich erfüllt er sich seinen
Wunsch. Zusammen mit den BANANAFISHBONES hat er SCUDERI für
die Bühne bearbeitet und inszeniert.
Bananafishbones
„Auf der Bühne kann man Dinge tun, die sonst nicht
möglich sind: Ich kann Geschichten erzählen, die zu
abstrus wären für das normale Leben“.
Dieser Satz ist auf der Homepage der BANANAFISHBONES nachzulesen.
Obwohl lange vor der Arbeit an SCUDERI geschrieben, könnte er
sich doch genau auf diese Produktion beziehen.
Die BANANAFISHBONES sind Sebastian Horn (Gesang, Bass), Peter Horn
(Gitarre) und Florian Rein (Schlagzeug). Der Bandname ist inspiriert
durch den Titel „Bananafishbones“ von The Cure, der
sich auf die Kurzgeschichte „A Perfect Day for
Bananafish“ von J.D. Salinger bezieht.
In der aktuellen Besetzung spielen die drei seit 1991 zusammen. Seit
dieser Zeit haben sie etliche Hits produziert („Come to
Sin“, „Easy Day“, „When you
Pass by“ etc.). Außerdem schreiben sie Songs
Film-Soundtracks („Wer früher stirbt, ist
länger tot“, „Die Wilden Kerle“
etc.). Seit 2001 veranstalten sie jährlich das Hillside
Festival in Bad Tölz. |