Mit dem Theaterabend »Sozialistische Schauspieler sind
schwerer von der Idee eines Regisseurs zu
überzeugen« kehrte der mehrfach ausgezeichnete Autor
und Regisseur René Pollesch in der vergangenen Spielzeit
für eine längerfristige Zusammenarbeit mit dem
Schauspiel nach Frankfurt zurück. Der gebürtige
Friedberger studierte in Gießen am Institut für
Angewandte Theaterwissenschaft und entwickelte einige seiner ersten
Arbeiten am TAT in Frankfurt. Er ist Künstlerischer Leiter des
Prater der Berliner Volksbühne, inszeniert u. a. am
Staatstheater Stuttgart, Schauspielhaus Zürich, Burgtheater
Wien und an den Münchner Kammerspielen. Polleschs
Theaterabende beschäftigen sich mit alltäglichen,
machtvollen Mechanismen, die unser Leben regulieren, ohne dass wir dies
als Regulierung wahrnehmen, sondern als Normalität.
Persönliche, politische Fragestellungen werden
während der Probenarbeit mit unterschiedlichen Theorien
bearbeitet und mit Hilfe bekannter Film- und Theatergenres in eine
ebenso intelligente wie unterhaltsame, eigenwillige Theaterform
überführt. So entstehen Thema und Text des Abends
erst im konkreten Probenprozess.
»Du weißt, ich hab immer nur dein
Äußeres geliebt, deshalb war deine Angst
völlig unberechtigt, dass ich dich in irgendeiner Form
enttarnen könnte, du wärst nicht das und das genug!
Da wäre ›gar nichts dahinter‹! Ich hab
ja gesehen, was du bist. Ich konnte das. Ich musste nicht durch einen
Schleier hindurch auf etwas sehen. Nein, ich konnte wie bei einem
Geldschein ganz genau sehen, dass du das Papier bist, und das, was
sonst für die Menschen so wertvoll ist, das Draufgedruckte,
der innere Wert, das musstest du nicht dauernd verteidigen, das hatte
ich ja gar nicht vor Augen. Deine inneren Werte! Darüber
müssen wir sprechen. Diese dummen Werte! Für wen
sollte das irgendeinen Wert haben, dein einzigartiger Weltentwurf da in
dir drinnen. Der ist gar nicht anschlussfähig. Mit dem hab ich
gar nichts zu tun. Das interessierte mich überhaupt alles gar
nicht. Du musstest überhaupt keine Angst haben, von mir
enttarnt zu werden. Das, was ich liebte, war ja ganz und gar nicht
getarnt. Das war dein Äußeres, das, was ich Seele
nennen würde. Nicht das Äußere als das
Gefängnis einer Seele. Nein! Sondern die Seele selber, die
hier draußen ist. Diese Verdrehung ist doch interessant, dass
alle, die sonst so von Äußerlichkeiten reden, von
etwas reden, was eigentlich die inneren Werte sind. Die draufgedruckten
Werte, wie bei einem Geldschein. Man sieht immer nur die zwanzig Euro
und niemand sieht das Papier. Liebling, es gibt keine innere
Schönheit!« RENÉ POLLESCH
Team:
Regie: René Pollesch
Bühne: Janina Audick
Pressestimmen:
Man amüsiert sich gottvoll, auf beiden Seiten der Rampe. Sechs
Schauspieler, in Ganzkörpertrikots turnen, tanzen,
theoretisieren. (…) Wie sie das tun, die sechs Schauspieler,
ist wundervoll, leichtfüßig, leichtzüngig,
spielerisch. (…) Grandioses Ensemble.
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Will man den theaterbesuchenden Bürgern ihre
bürgerlichen Theatervorstellungen austreiben, holt man
dafür Pollesch. Das Gute dabei ist: Hinterher merken die
theaterbesuchenden Bürger, dass es verdammt viel
Spaß machen kann, sich im Theater einen Abend lang ohne
bürgerliche Theatervorstellungen zu vergnügen.
Frankfurter Rundschau
Wäre Polleschs Stück ein Drama, ginge es um eine
Schar höherer Wesen (Götter, Heroen, Schauspieler)
ohne sicheres Ich, die über Netzwerke als Rache des
Kapitalismus salbadern, über Mehrwert, Theater,
Individualität. (…) In seiner Lust am Paradox und
Kalauer ist Pollesch weder ein Dramatiker noch Regisseur, sondern ein
René Pollesch: das einzige Exemplar der Gattung. Er macht,
was keiner macht; sein Theater ist persönliche Praxis,
ausbaldowert mit den Schauspielern. Früher inszenierte er am
TAT, jetzt arbeitet er fürs Schauspiel. So fließen
seine Produktivkräfte seit zwanzig Jahren und
überlisten jede Blockade. Manche Künstler brauchen
dazu Koks, manischen Sex oder schöne Orte. Es geht auch
Pollesch.
Frankfurter Neue Presse
Pollesch, das ist längst ein Event. Man geht da schon in einer
beschwingten Stimmung hin, wohl wissend, dass man in einer ebensolchen
das Theater wieder verlassen wird. (…) Eine Stunde dauert
dieser Abend, er verbreitet ungebrochene Kurzweil. Am Schluss
gibt’s Ovationen, wie man sie in dieser Beschwingtheit selten
am Stadttheater erlebt. (…) Eine so spielerische wie
klarsichtige Gesellschaftsanalyse mit den Mitteln eines wie aus seinen
Fugen gerissenen und doch zugleich auf seine ureigensten
Qualitäten zurückgeführten Theaters.
Offenbach Post
Hektisch, bissig, trashig, verstörend, amüsant,
absurd. (…) Alle Schauspieler sind großartig und
zutiefst für ihre Leistung zu bewundern, die immer neu
arrangierten Sprechhülsen präzise wie
Pistolenschüsse abzufeuern. Von Bettina Hoppe bis zu Oliver
Kraushaar gewinnen sie sichtlich amüsiert in der Halfpipe von
Polleschs Wortspielen an Fahrt und springen verzückt ihre
atemberaubenden Loops und Tricks.
Giessener Allgemeine
Sechs dieser ausgezeichneten Schauspieler (Constanze Becker, Traute
Hoess, Bettina Hoppe, Michael Goldberg, Nils Kahnwald und Oliver
Kraushaar) treten hier nun im hautengen Superhelden-Outfit an, mit
riesigen Buchstaben auf der Brust, die, wenn man sie in die richtige
Reihenfolge bringt, das Wort »Profit« ergeben.
(…) Inzwischen haben sich die Frankfurter offenbar richtig
eingegroovt in Polleschsprech und farcenhaften Meta-Boulevard.
Unsicherheiten und Texthänger sind keine Störfaktoren
mehr, die den Rhythmus bremsen, sondern selbstbewusster Teil des
Ganzen, der genussvoll ausgereizt wird.
Nachtkritik
Eine reizüberflutete Augenweide. (…) An diesem
Abend wird man den Verdacht nicht los, dass das Ganze den Schauspielern
immer einen Tick mehr Spaß und Erkenntnis bringt als den
Zuschauern. (…) Sei es Constanze Becker, die zuvor mit
eingefrorenem Showlächeln im verdutzten Blick alles
hinterfragte oder die wunderbare Traute Hoess, die den Text immer
wieder auf den Boden urbaner Volkstümlichkeit holt. Bettina
Hoppe, Michael Goldberg, Nils Kahnwald und Oliver Kraushaar
komplettieren das fabelhafte Kollektiv. (…)
Tollkühne Schauspieler.
Wiesbadener Kurier
Wer die Geduld und Konzentration aufbringt, diesem durchaus fordernden
Schauspiel-Diskurs zu folgen, kann viele schöne Anregungen mit
nach Hause nehmen. Die Funktion des Schauspielers als Träger
einer Botschaft wird hier verhandelt. Die Funktionalität des
Kapitalismus, »der sich immer einen Sinn sucht:
Gerechtigkeit«. Und wie nebenbei wird auch noch
schlüssig mit der Mär aufgeräumt, jeden Tag
wie den letzten zu leben. Man kann sich diesem Stück wie einem
Proseminar an der Uni stellen. Nur, dass es hier darüber
hinaus auch noch einiges zu lachen gibt. Slapstick, Wortwitz und
russische Volkstänze: Wenn schon Kapitalismuskritik
– dann bitte genau so.
Fuldaer Zeitung
Premieredatum
03.03.2012
Ab Alter
0
Besetzungsliste
Regie:
René Pollesch
Bühne:
Janina Audick
Kostüme:
Nina Kroschinske
Video:
Sacha Benedetti
Live-Kamera:
Jos Diegel
Dramaturgie:
Sibylle Baschung
Besetzung:
Constanze Becker
Traute Hoess
Bettina Hoppe
Michael Goldberg
Nils Kahnwald
Oliver Kraushaar
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