Quelle: www.theater-marburg.com
Foto: Ramon Haindl
Inhalt
Wer heute die philosophischen Zentren aufsucht, der wird auf seinem Weg
nach Nordamerika in Deutschland nur einen Zwischenstopp einlegen
– vielleicht in Berlin, Tübingen oder
München. Aber die philosophischen Schauplätze fanden
sich nicht immer im kalifornischen Berkeley oder Stanford. Im ersten
Drittel des 20. Jahrhunderts waren die Zentren München,
Göttingen, Berlin, Freiburg – und Marburg. Inmitten
einer durch die militärische Mobilmachung des Ersten
Weltkrieges, die „Materialschlachten“, die Kunst
der klassischen Moderne, den antiwissenschaftlichen George-Kreis und
eine antimoderne Haltung geprägten Zeit war Marburg ein
friedliches Nest. Ein Idyll. Eine historische Falte. Und trotzdem
sollte sich diese Enklave der Stille in ein geistiges Zentrum der
Moderne verwandeln. Fast schlagartig etablierte sich Marburg als ein
intellektueller Mittelpunkt der Weimarer Republik, wo einige
herausragende Wissenschaftler Deutschlands lehrten. Den Kern machte
unbestritten die Philosophie mit ihrem Versuch einer Entwicklung neuer
Leitideen aus. Vornehmlich lässt sich dieser Kern mit den
Stichworten „Marburger Neukantianismus “ und vor
allen Dingen „Martin Heidegger“ benennen, die
wichtige philosophische Knotenpunkte im wissenschaftlichen Netz
Marburgs der Zwanzigerjahre markieren.
(Christian Lotz, Marburger UniJournal 3/1999)
Gibt es eine
Provinzwahrheit?
von Eva Bormann
Im Wintersemester 1924 verlässt die 18-jährige Hannah
Arendt Königsberg und nimmt ein Studium an der
Universität Marburg auf. Neben Evangelischer Theologie und
Griechisch besucht sie Vorlesungen der Philosophie bei Nicolai Hartmann
und Martin Heidegger. Dem jungen Heidegger, seit 1923
außerordentlicher Professor in Marburg, war der Ruf
vorausgeeilt, dass sich bei ihm das Denken lernen ließe.
Statt sich konventionell der Schulphilosophie zuzuwenden,
ließ er die alten Texte in ganz neuer Weise lebendig werden.
Mit seiner Existenzphilosophie berührte er in zunehmendem
Maße die Frage nach dem Sinn von Sein. Ihm galt als
unabdingbar, dass das Sein aus der Zeit heraus zu verstehen sei.
Die Begegnung zwischen Arendt und Heidegger bleibt nicht ohne Folgen.
Berichte besagen, dass Arendt sich in ihrem Auftreten eine
eigentümliche Mischung aus Schüchternheit und
Selbstbewusstsein anmerken ließ. Sie war sich ihrer
jüdischen Herkunft und der antisemitischen Stimmung an
deutschen Hochschulen bewusst. Heidegger verehrt diese junge Studentin.
Ihre Widersprüchlichkeit zwischen philosophischer Urteilskraft
und scheuer Zurückhaltung gegenüber seinem Renommee
als Philosophieprofessor imponiert ihm. Sie erwidert seine Zuneigung,
die jedoch von der politischen Realität in Deutschland
eingeholt wird. Die Nähe zueinander bleibt von der zunehmenden
Distanz im äußeren Leben nicht länger
unberührt. Im Jahr 1933 trennen sich ihre Wege. Arendt folgt
Günter Anders ins Exil nach Paris und beginnt, erste
Beiträge zu veröffentlichen. Heidegger begegnet sie
erst 1949 wieder. Während Arendt sich nach dem Zweiten
Weltkrieg auf dem Gebiet der politischen Philosophie hervortut und
durch ihre Arbeit über den Eichmann-Prozess eine
internationale Kontroverse anstößt, gerät
Heideggers Person, ehemals bekennendes NSDAP-Mitglied, in die Kritik
der Öffentlichkeit. Seine Position innerhalb der Philosophie
bleibt davon nicht unberührt, dennoch markiert sein Denken
innerhalb der Philosophiegeschichte eine bedeutsame Kehrtwende.
Wie lässt sich Heidegger heute lesen? Oder, wie der
zeitgenössische Philosoph Peter Sloterdijk mit Blick auf
Heideggers Denken innerhalb der Ideen- und Problemgeschichte letzthin
fragte: Wenn die westliche Philosophie aus dem Geist der Polis
entstand, wie steht es dann um die Philosophietauglichkeit eines
Mannes, der aus seiner trotzigen Anhänglichkeit an die
ländliche Welt nie ein Geheimnis gemacht hat? Gibt es eine
Provinzwahrheit, von der die weltoffene Stadt nichts weiß?
Gibt es eine Feldweg- und Hüttenwahrheit, die imstande
wäre, die Universitäten mitsamt ihren Hochsprachen
und weltmächtigen Diskursen zu unterhöhlen? Von wo
her redet dieser seltsame Professor, wenn er den Anspruch erhebt,
über die Geschichte abendländischer Metaphysik
hinauszufragen? (Peter Sloterdijk, Nicht gerettet – Versuche
nach Heidegger)
Abgesehen von Heideggers Hauptwerk „Sein und Zeit“
von 1927 bietet der in den frühen 1980er Jahren bekannt
gewordene Briefwechsel Aufschluss über Denkbewegungen und das
intime Gespräch zwischen Heidegger und Arendt. Neben Passagen
aus einzelnen Briefen und zentralen Werken beider werden auch Schriften
von Zeitgenossen und befreundeten Kollegen in den fiktiven Dialog
zwischen philosophischem Denken und der privaten Korrespondenz Arendts
und Heideggers treten.
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