„Alle Quellen der Macht in diesem Land wollte ich mir
untertan machen. Alle Reichtümer der Erde, des Meeres, der
Berge und Wälder mir untertan, sollten meine Herrschaft
begründen, und den Wohlstand von vielen, vielen tausend
Menschen.“
John Gabriel Borkman
Lieber Brandes!
Was ich Ihnen vor allen Dingen wünschen möchte, ist
ein richtiger Vollblutegoismus. (…) Sie sagen, Sie haben
keine Freunde daheim. Das habe ich mir schon lange gedacht. Wenn man in
einem innerlichen und persönlichen Verhältnis zu
seinem Lebenswerk steht, so kann man eigentlich nicht verlangen, seine
„Freunde“ zu behalten. Freunde sind ein kostbarer
Luxus, und wenn man sein Kapital auf eine Berufung und eine Mission
hier im Leben setzt, so hat man nicht die Mittel, Freunde zu halten.
(…) Dadurch verkrüppeln viele geistige Keime in
einem. Ich habe es durchgemacht, und deshalb habe ich eine Reihe von
Jahren hinter mir, in denen ich es nicht erreichte, ich selbst zu
werden.
Ihr ergebener Henrik Ibsen (1870/71) Pressestimmen
Mit Ibsens "John Gabriel Borkman" gelang Regisseur Elmar Goerden ein
glanzvoller Einstand. Dem Bankiersdrama verhilft er auch dank edler
Besetzung zu einem Meisterstück der Verblendung. [...]
Regisseur Elmar Goerden hegt bei seinem Josefstadt-Debüt
immense Achtsamkeit gegenüber den Charakteren in Henrik Ibsens
Kapitalisten-Drama John Gabriel Borkman. Mit großer Zuwendung
stiftet er Persönlichkeiten, die die Ibsensche Kühle
ganz und gar gegenwärtig ausstrahlen. [...] Elmar Goerden gibt
Luft; es gelingt ihm, der Düsternis in Ibsens Drama einen Witz
abzuringen, der die maßlosen Ansprüche der
Beteiligten in die Schranken weist: Maria Köstlinger (Frau
Wilton) bläst den abgestandenen Geist dieser nur an sich
selbst interessierten Familienmitglieder einmal mit
Hochgeschwindigkeitsnorwegisch hinaus. Dieser Borkman ist stimmig bis
ins Detail. Nicht zuletzt haben die Ausstatter (Ulf Stengl und Silvia
Merlo) bewiesen, dass die Kunst des norwegischen Designs nicht
ausschließlich dem Burgtheater vorbehalten ist: Im edelsten
Stil geht diese Familie unter.
(Der Standard)
Es existiert also doch, das große Schauspielertheater!
Für Henrik Ibsens "John Gabriel Borkman" hat das Theater in
der Josefstadt ein nahezu perfektes Ensemble gefunden: Nicole Heesters,
Andrea Jonasson und Helmuth Lohner beweisen es in brillanter Form,
[...]. Der Anfang ist das Größte des Abends: Das
Zusammentreffen der Schwestern Gunhild (Borkman) und Ella wird zu einer
Tragödie mit grotesken Zügen. Brilliant agieren dabei
Nicole Heesters und Andrea Jonasson! [...] Helmuth Lohner als John
Gabriel, als herumwandernder "Wolf" im Obergeschoß zeigt
einiges an Skurrilität: Sein Aufbruch in die Zukunft mit
Erhart (der ebenso scheitert wie die Pläne der Frauen) wirkt
wie letztes Aufbäumen: ein müdes Raubtier, das sich
zum Sterben auf wertlose Bankpapiere bettet. Jedenfalls zeigen die drei
Josefstadt-Gäste, was Theater auch kann: ohne szenische
Monstrositäten zu fesseln.
(Kronen Zeitung)
Wer da noch über Stilfragen mutmaßt, über
konservatives oder progressives Theater, der muss mehr als die vierte
Wand vor dem Kopf haben: Die "Josefstadt" - ja, die - zeigt die
berauschend unprovinzielle Inszenierung eines großen Werks
der dramatischen Weltliteratur und bietet dafür ein Ensemble
internationalen Formats auf. Nichts wäre verlockender, als
"Borkman" zu aktualisieren. Ein wegen
größenwahnsinniger Transaktionen eingesperrter, aber
keineswegs schuldeinsichtiger Bankdirektor, der nach der Freilassung
seine einsamen Vergeltungsfantasien bis zum Wahnsinn repetiert: Das
kennen wir doch. Nein, nicht so, wie Elmar Goerden es auf Ulf Stengls
und Silvia Merlos karge Bühne stellt. Keine Verzwergung ins
Elsner-Format ist da zu beklagen. Helmuth Lohner verwandelt sich,
unvergesslich, in einen fragilen Gewalttäter, einen Riesen vor
dem Sturz in Wahn und Tod, wie Ibsen selbst es in seinen letzten Jahren
war. Und die fulminante Konversationskomödie, mit der Nicole
Heesters und Andrea Jonasson als im Hass verbundenes Zwillingspaar die
Aufführung eröffnen! Der kabinettstückhaft
perfekte Auftritt Heribert Sasses in einer kleineren Rolle, Maria
Köstlinger, Martin Bretschneider, Raphaela Möst:
aufregendes Theater in formaler und schauspielerischer Vollendung.
(News)
Josefstadt: Ein fulminanter Helmut Lohner! Präzise gearbeitet,
perfekt gespielt, heftig beklatscht: Ibsens "John Gabriel Borkman"
konnte überzeugen. [...] Im Theater in der Josefstadt wird
Ibsens vorletztes Werk nun in der Regie von Elmar Goerden und in
absoluter Luxusbesetzung gezeigt. Eine Konstellation, der zu danken
ist, dass in der tragischen Geschichte vornehme Komik Platz findet.
Ibsen, halbwegs heiter? Das geht. Sehr fein sogar. Denn Helmuth Lohner
ist ein fulminanter, auch furioser Borkman. Eine
Elsner-Zwettler’sche Figur, nie angekränkelt vom
Gedanken Schuld auf sich geladen, anderen Schaden zugefügt zu
haben. Nein, er ist doch der Gekränkte, dieses Abziehbild des
einstigen Machers, eingeigelt in seiner Lebenslüge, vom
Altersstarrsinn langsam in den Wahnsinn kippend. Umrahmt wird diese
schleichende Selbstdekonstruktion von zwei brillanten Diven, zwei
bösartigen Königinnen: Nicole Heesters als Borkmans
Frau Gunhild und Andrea Jonasson als ihre Schwester und Borkmans erste
Liebe Ella. Sie war auch sein erster Verrat, sein Gefühl
für Macht stärker als alles, was er für sie
empfand. Heesters und Jonasson fighten, was das Zeug hält.
Erstere geht zynisch, kalt, hartherzig in Verteidigungsposition;
Zweitere greift demonstrativ ruhig an. Die Tatsache, dass sie
sterbenskrank ist, ist ihr Leid-Motiv genug. Das Handtuch, das
heißt: Eigentlich die Strickweste werfen, geht schon
– der Rivalin mitten ins Gesicht. Präzise hat man an
den Rollen und solchen Szenen gearbeitet. [...] Für Ibsens
psychologische Untertagesituation schufen Ulf Stengl und Silvia Merlo
das exakte Bühnenbild. Ein Bunker, grau, leer, ein
Bergwerkstollen für kaputte Seelen, durch den die Einsamkeit
weht. [...] Maria Köstlinger macht aus Erharts Geliebter Fanny
Wilton eine originelle, lebenshungrige, mitreißende
Mittdreißigerin. Und zeigt mit einer skandinavischen
Schimpftirade, dass sie gleich dem Autor Wurzeln im hohen Norden hat.
Viel Applaus für alle. Zu Recht.
(Kurier)
Elmar Goerden ist am Donnerstag eine Inszenierung gelungen, die sogar
das Ironische, Lächerliche der Situation hervorhebt,
während das platte Gesellschaftskritische diskret bleibt. Der
Beginn überzeugt, mit Nicole Heesters als frustrierter,
schlicht gekleideter Gunhild in böser Bitterkeit. [...]
Jonasson gibt eine Frau mit Herz und Verletzlichkeit, die Konfrontation
der Schwestern wird mit Klasse vorexerziert, mit Gesten der
Erniedrigung und Beleidigung. [...] Eine eindringliche Vorstellung im
Charakterfach bietet auch Helmuth Lohner in der Titelrolle. [...]
Richtig interessant wird dieser Borkman aber im Zusammenspiel mit dem
Hilfsschreiber Vilhelm Foldal. Ihn könnte man auf das
Unterwürfige fixieren, Heribert Sasse gelingt jedoch in dieser
Rolle Außerordentliches. Er lässt durchblicken, dass
er Borkman sehr wohl richtig einzuschätzen weiß,
nämlich als Narr, der glaubt zu schieben und selbst geschoben
wird. In den Dialogen dieses Altmänner-Duos erhält
das Drama etwas Bitter-Ironisches und in den besten Momenten sogar
Aberwitzig-Komisches. Was für ein Alpha-Männchen wird
hier vorgeführt!
(Die Presse)
Durch die neue zeitliche Verortung des Stücks tritt der
Generationenkonflikt deutlicher zu Tage. Die sexuelle
Befreiungsbewegung der späten 60er Jahre schimmert durch, wenn
Erhart mit Fanny Wilton (Maria Köstlinger) durchbrennt, zudem
wirkt der Liebesverrat, den Borkman an beiden Schwestern begeht,
vordergründiger. Regisseur Goerden beweist Feingefühl
für die psychologischen Nöte der Figuren, die sich
gegenseitig das Leben verpfuschen, eiskalt gehen die beiden Schwestern
aufeinander los, voller Neid und Missgunst. [...] Herzenswärme
und eine Leidenschaft [...] flackert indes bei der letzten Begegnung
von Borkman und Ella auf, dem ehemaligen Liebespaar. Nicht nur in
dieser Szene glückt den Darstellern präzise
Schauspielkunst. Das Ensemble vermag dem Trauerspiel sogar komische
Augenblicke abzutrotzen, etwa wenn Heribert Sasse als Borkmans einzig
verbliebener Freund den Abwasch tätigt und eine Jause
vorbereitet: alltäglicher Aberwitz im Angesicht der
omnipräsenten Katastrophen.
(Wiener Zeitung)
Und sagen wir gleich, was das Beste an diesem Josefstädter
Abend ist: Die Verkörperung der Titelfigur durch Helmuth
Lohner. Der elegante Herr macht nämlich ohne weiteres ein
Monster begreiflich, was gleichzeitig zur Meisterstudie eines
Überzeugungstäters wird, der von keinem Quentchen
Einsicht gequält wird. Er hat Menschen geopfert, um seine
Machtspiele treiben zu können, er ist als Inbegriff einer
kapitalistischen Gesellschaft stur seinem Traum von Macht und Geld
gefolgt, und er stirbt mit der großen Pose eines Lear auf
sturmumtoster Heide, ohne etwas begriffen zu haben. Dass aus Lohners
fragiler Entscheidung so viel negative Kraft erwachsen kann, das ist
das Erlebnis des Abends. [...]
(Der neue Merker)
[...] Der tief Gefallene zieht sich in die Isolation zurück.
Diesen verbitterten, überheblichen, gefühlskalten
Ex-Bankier spielt Helmuth Lohner, das Ur-Gestein der Josefstadt, in
einer irritierenden, bisweilen schrulligen Mischung aus todesnaher
Zerbrechlichkeit und Spucke sprühender Leidenschaft. [...]
Wunderbar fein inszeniert ist der erste Akt, als sich beide Schwestern
ihre Verachtung durch übertriebenen Ordnungssinn zeigen:
Ständig zupfen sie an ihrem Gewand herum, wischen pedantisch
über die Stelle, wo die andere gerade gesessen hat. Alles ist
potenziell verschmutzt. [...] In einer schönen Nebenrolle
brilliert Heribert Sasse als einziger Freund, den Borkman noch hat: den
Hilfsschreiber Vilhelm Foldal. [...]
(Nachtkritik.de)
[...] Nicole Heesters und Andrea Jonasson werden von der Regie ganz auf
ungleiches Paar getrimmt. Fahrig und zappelig verteidigt Gunhild mit
energischen Gesten jeden Quadratzentimeter Eigenheim gegen ihre reiche
Schwester, die ruhig und demonstrativ leidend ihre Fäden zu
ziehen versucht. Helmuth Lohner stattet seinen tief verletzten Borkman
mit einem langsam in den Wahnsinn kippenden Altersstarrsinn aus und
lässt dabei weniger den skrupellosen Wirtschaftsverbrecher als
den gescheiterten Nietzscheanischen Übermenschen erkennen, der
die Menschen zu ihrem Glück zwingen wollte. [...] Maria
Köstlinger brilliert nicht nur mit Schwedisch-Kenntnissen,
sondern macht aus Frau Fanny Wilton, die Erhart als um sieben Jahre
jüngeren Liebhaber nach Rom entführt, eine originelle
Figur voller frecher Lebenslust.
(APA)
[...] der Regisseur Elmar Goerden hat für sein Starensemble
nur vordergründig den bürgerlichen Innenraum des
klassischen Schauspielertheaters arrangiert. All die kühlen
Gebrauchsmöbel, die abgenutzten Unbequemsessel, die immer
schon hässlichen Flechtstühle und abwischbaren
Beistelltische werden nämlich zwischen den Szenen von der
Haustechnik weggeräumt, während die Schauspieler noch
als Zombies in ihrer Seelenkulisse hockenbleiben. Am Ende ist die ganze
Innenarchitektur futsch. Und Borkman und die beiden Schwestern
erfrieren vor kahlen Bühnenwänden zwischen
Papierschnipseln und Aktenordnern. Bitter kalt ist es im Land der
Bilanzen. [...] Ibsen flog übers Kuckucksnest - dem passt sich
auch Heribert Sasses Vilhelm Foldal mit wundervoll zerkauten
Satzbrocken und Hoffnungsblicken an, indem er aus einem Matrizenmann
einen rührenden Romantiker modelliert. Und Lohners outriertes
Sprechen mit den rollenden Augen und rollenden Konsonanten und
verstrubbelten Resthaaren eines alten Mimen erinnert bald schon an
einen dieser Lebensverlierer, die man auch an einem Tresen in Ottakring
oder Favoriten treffen könnte, einen gescheiterten
Operettentenor mit seinen immer gleich übertriebenen
Geschichten vom knapp verfehlten Gelingen. Das ist, wenn Lohner mit den
Armen wedelt und seine Sätze nur mehr leise brabbelt und ins
Nichts schaut oder wienerisch bitterböse die Mitmenschen
anwinselt, ungemein schmierig - und gerade darum nicht mal unpassend.
Oder Nicole Heesters, die als verhärmte Horrormutter
irgendwann nur noch aggressiv an allem herumzupft, als ob ihre Welt
voller Krümel wär. Oder Andrea Jonasson, die als
formvollendeter Todesengel durchs Chaos stöckelt, als
hätte sie sich vom Boulevard in einen Beckett- oder
Ionesco-Klamauk verirrt. Mit all diesen kleinen und weniger kleinen
Verfremdungen - einmal verfällt die aufgekratzte Halbschwedin
Maria Köstlinger gar wie aus Jux ins skandinavische Original -
führt der Dompteur Goerden mit feinem Sinn für Komik
und sehr einfühlsamen Streichungen vor, dass diese norwegische
Bürgerwelt so gar nichts Naturalistisches oder Psychologisches
hat, sondern nur als Versuchsanordnung dient für ein absurdes
Perpetuum mobile von Lebensläufen.
(FAZ)
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