| WOLFGANG MüLLER - EIN ABEND üBER VALESKA GERT
Nach dem Auftakt-Abend über Island und die Elfen: „Neues von der Elfenfront“ am 17. Februar folgt jetzt ein Abend über Valeska Gert, ihre Kunst und ihren Mut, die zu sein, die sie war, unentdeckte Pionierin des genialen Dilettantismus: Sie tanzt Autounfälle, das Medium Film und Cut up, Nervosität der Großstadt, das Boxen, das Sterben und das Baby.
In den 1920er Jahren performt sie die Pause – Innehalten, Unterbrechen, die Bewegungslosigkeit, fundamental für alle performativen Künste, so wie John Cage's Komposition "4’33" für die Musik oder das "Schwarze Quadrat auf weißem Grund" von Kasimir Malewitsch für die Malerei. Ihre Kneipenkunstkonzepte realisiert sie lange bevor die entsprechenden Schubladen des Kunstmarktes dafür gezimmert werden. Sie nimmt mit ihren Geräuschliedern die Neue Improvisationsmusik vorweg und lotet die Grenzen verschiedenster Medien aus, bevor das Wort Interdisziplinär erfunden wird.
Wolfgang Müller entdeckt in ihrer "Ästhetik der Präsenzen" die Verbindungen zur zeitgenössischen Kunst und hat ein gleichnamiges Buch herausgebracht. In der Nach-Postmoderne wird Valeska Gert sichtbar und spürbar.
"Valeska Gert – Ästhetik der Präsenzen"
Zu den weithin unterschätzten Künstlern der Moderne, zählt die Tänzerin, Autorin, Performerin und Schauspielerin Valeska Gert (1892 - 1978). Mit ihrem Medium, dem Körper forschte sie in den Grenzbereichen Moderner Kunst. Ausgehend vom Modernen Tanz, neben dem modernen Kunsthandwerk, der einzigen Kunstsparte, in welchem ausübende Künstlerinnen dominierten, analysierte sie Wahrnehmungsstrukturen und gewann aus den Erkenntnissen ihre Ästhetik. Die Theorie realisierte Valeska Gert dabei sozusagen in ihrer Praxis, ohne sie darin aufzulösen. Auf diese Weise generierte sie eine bis heute wirksame Ästhetik der Präsenzen. Valeska Gert, die in Filmen von Regisseuren wie Pabst, Fellini, Brecht und Fassbinder spielte, setzte bis zu ihrem Tod unablässig zahlreiche Gedanken und Ideen frei, die oft erst Jahrzehnte später von anderen Künstlern unterschiedlichster Genres ausformuliert, materialisiert oder zu deren Markenzeichen wurden. Gleichwertig verarbeitete Gert Elemente der „Subkultur“ und der „Hochkultur“. Das Gesamtkunstwerk von Valeska Gert ist fragmentarisch, flüchtig und bruchstückhaft überliefert. Es entwickelt sich in Zwischenbereichen, Fugen, Schwellen und entzieht sich bis heute der Festlegung. Dadurch gewinnt es in der Nach-Postmoderne eine neue Aktualität.
Wolfgang Müllers Buch „Valeska Gert. Ästhetik der Präsenzen“ war Ausgangspunkt für seine Ausstellung über die transdisziplinäre Kunst von Valeska Gert, die er zusammen mit der Kunsthistorikerin An Paenhuysen im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, 2010 kuratierte. In der Schwankhalle Bremen präsentiert und erläutert er diverse kurze Filmausschnitte mit Valeska Gert, sowie ein unbekanntes Video aus dem Jahr 1969 mit ihrem Tanz „Tod“. |