1958 schrieb ich
folgendes:
„Es gibt keine klaren Unterschiede zwischen dem, was
wirklich und
dem was unwirklich ist, genauso wenig wie zwischen dem, was wahr und
dem was unwahr ist. Etwas ist nicht unbedingt entweder wahr oder
unwahr; es kann beides sein, wahr und unwahr.“
Ich halte diese Behauptungen immer noch für plausibel und
weiterhin
gültig für die Erforschung der Wirklichkeit durch die
Kunst. Als Autor
halte ich mich daran, aber als Bürger kann ich das nicht. Als
Bürger
muss ich fragen: Was ist wahr? Was ist unwahr?
Die Wahrheit in einem Theaterstück bleibt immer schwer
greifbar. Man findet sie niemals völlig, sucht aber zwanghaft
danach.
Die Suche ist eindeutig der Antrieb unseres Bemühens. Die
Suche ist
unsere Aufgabe. Meistens stolpert man im Dunkeln über die
Wahrheit,
kollidiert damit oder erhascht nur einen flüchtigen Blick oder
einen
Umriss, der der Wahrheit zu entsprechen scheint, oftmals ohne zu
merken, dass dies überhaupt geschehen ist. Die echte Wahrheit
aber
besteht darin, dass sich in der Dramatik niemals so etwas wie die eine
Wahrheit finden lässt. Es existieren viele Wahrheiten. Die
Wahrheiten
widersprechen, reflektieren, ignorieren und verspotten sich, weichen
voreinander zurück, sind füreinander blind. Manchmal
spürt man, dass
man die Wahrheit eines Moments in der Hand hält, dann gleitet
sie einem
durch die Finger und ist verschwunden.
Man hat mich oft gefragt, wie meine Stücke entstehen. Ich kann
es nicht sagen. Es ist mir auch völlig unmöglich,
meine Stücke
zusammenzufassen, ich kann nur sagen, dies ist geschehen. Das haben sie
gesagt. Dies haben sie getan.
Die meisten meiner Stücke entstehen aus einer Textzeile, einem
Wort oder einem Bild. Dem gegebenen Wort folgt oft kurz darauf das
Bild. Ich gebe zwei Beispiele für zwei Zeilen, die mir
urplötzlich
einfielen, danach kam das Bild und dann ich.
Es sind die Stücke Die Heimkehr und Alte Zeiten. Der erste
Satz von Die Heimkehr heißt: „Was hast du mit der
Schere gemacht?“ Das
erste Wort von Alte Zeiten lautet: „Dunkel“.
Das war alles, was ich jeweils an Informationen besaß.
Im ersten Fall suchte jemand offenbar eine Schere und wollte
von jemand anders, den er verdächtigte, sie gestohlen zu
haben, ihren
Verbleib erfahren. Aber irgendwie wusste ich, dass der angesprochenen
Person die Schere ebenso egal war wie die Person, die danach gefragt
hatte.
„Dunkel“ verstand ich als Beschreibung der Haare
einer Person,
der Haare einer Frau, sowie als Antwort auf eine Frage. In beiden
Fällen musste ich der Sache nachgehen. Dies geschah visuell,
ein sehr
langsames Überblenden vom Schatten ins Licht.
Wenn ich ein Stück beginne, nenne ich die Personen immer A, B
und C.
In dem Stück, aus dem Die Heimkehr wurde, sah ich einen Mann
in
ein kahles Zimmer kommen und seine Frage an einen jüngeren
Mann
richten, der auf einem hässlichen Sofa saß und eine
Rennzeitung las.
Ich ahnte irgendwie, dass A der Vater und B sein Sohn war, aber ich
besaß keinen Beweis dafür. Meine Vermutung wurde
allerdings kurz darauf
bestätigt als B (der spätere Lenny) zu A (dem
späteren Max) sagt: „Ich
würde jetzt gerne das Thema wechseln, ja, Dad? Ich
möchte dich was
fragen. Unser Essen vorhin, was sollte das darstellen? Wie
heißt so
was? Warum kaufst du dir keinen Hund? Der würde so was
fressen.
Ehrlich. Aber du kochst hier nicht für ein Rudel
Hunde.“ Da B also A
„Dad“ nennt, schien mir die Anna hme
vernünftig, dass es sich bei ihnen
um Vater und Sohn handelte. A war auch eindeutig der Koch, dessen
Kochkünste offenbar keine hohe Wertschätzung
genossen. Bedeutete das,
dass es keine Mutter gab? Ich wusste es nicht. Aber, so sagte ich mir,
anfangs wissen wir nie, worauf alles hinausläuft.
„Dunkel“. Ein breites Fenster. Abendhimmel. Ein
Mann, A (der
spätere Deeley), und eine Frau, B (die spätere Kate),
sitzen und
trinken. „Dick oder dünn?“ fragt der Mann.
Von wem red en sie? Aber
dann sehe ich am Fenster eine Frau, C (die spätere Anna ), sie
steht in
einer anderen Beleuchtung, mit dem Rücken zu den anderen, ihre
Haare
sind dunkel.
Es ist ein merkwürdiger Moment, der Moment, in dem man
Personen erschafft, die bis dahin nicht existierten. Was dann kommt,
vollzieht sich sprunghaft, vage, sogar halluzinatorisch, auch wenn es
manchmal einer unaufhaltsamen Lawine gleicht. Der Autor befindet sich
in einer eigenartigen Lage. Die Personen empfangen ihn eigentlich nicht
mit offenen Armen. Die Personen widersetzen sich ihm. Es ist schwierig,
mit ihnen auszukommen, sie zu definieren ist unmöglich.
Vorschreiben
lassen sie sich schon gar nichts. In gewisser Weise spielt man mit
ihnen ein endloses Spiel: Katz und Maus, Blindekuh, Verstecken. Aber
schließlich merkt man, dass man es mit Menschen aus Fleisch
und Blut zu
tun hat, mit Menschen die einen eigenen Willen und eine individuelle
Sensibilität besitzen und aus Bestandteilen bestehen, die man
nicht
verändern, manipulieren oder verzerren kann.
Die Sprache in der Kunst bleibt also eine äußerst
vieldeutige
Angelegenheit, Treibsand oder Trampolin, ein gefrorener Teich, auf dem
man, der Autor, jederzeit einbrechen könnte.
Aber wie gesagt, die Suche nach der Wahrheit kann nie
aufhören. Man kann sie nicht vertagen, sie lässt sich
nicht
aufschieben. Man muss sich ihr stellen und zwar hier und jetzt.
Politisches Theater stellt einen vor völlig andersartige
Probleme. Moralpredigten gilt es unter allen Umständen zu
vermeiden.
Objektivität ist unabdingbar. Die Personen müssen
frei atmen können.
Der Autor darf sie nicht einschränken und einengen, damit sie
seinen
eigenen Vorlieben, Neigungen und Vorurteilen genügen. Er muss
bereit
sein, sich ihnen aus den verschiedensten Richtungen zu nähern,
unter
allen möglichen Blickwinkeln, sie vielleicht gelegentlich zu
überrumpeln, ihnen aber trotzdem die Freiheit zu lassen, ihren
eigenen
Weg zu gehen. Das funktioniert nicht immer. Und die politische Satire
befolgt natürlich keine dieser Regeln, sie tut
tatsächlich das genaue
Gegenteil und erfüllt damit ihre eigentliche Funktion.
In meinem Stück Die Geburtstagsfeier lasse ich, glaube ich, in
einem dichten Wald der Möglichkeiten einer ganzen Reihe von
Alternativen Spielraum, bevor schließlich ein Akt der
Unterwerfung in
den Brennpunkt rückt.
Berg-Sprache behauptet einen solchen Spielraum nicht. Das
Stück bleibt brutal, kurz und hässlich. Aber die
Soldaten im Stück
haben ihren Spaß. Man vergisst manchmal, dass sich Folterer
rasch
langweilen. Sie müssen etwas zu lachen haben, damit ihnen die
Lust
nicht vergeht. Die Ereignisse in Abu Ghraib in Bagdad haben das
natürlich bestätigt. Berg-Sprache dauert nur 20
Minuten, aber es könnte
Stunde um Stunde immer so weitergehen, nach demselben Muster, immer so
weiter, Stunde um Stunde.
Asche zu Asche andererseits scheint mir unter Wasser zu
spielen. Eine ertrinkende Frau reckt durch die Wellen die Hand nach
oben, sie versinkt, sucht nach anderen, aber sie findet dort niemand,
weder über noch unter Wasser, sie findet nur treibende
Schatten,
Spiegelungen; die Frau, eine verlorene Gestalt in einer ertrinkenden
Landschaft, eine Frau, die dem Verderben, das nur anderen bestimmt
gewesen zu sein schien, nicht entrinnen kann.
Doch so wie sie starben, muss auch sie sterben.
Politische Sprache, so wie Politiker sie gebrauchen, wagt sich
auf keines dieser Gebiete, weil die Mehrheit der Politiker, nach den
uns vorliegenden Beweisen, an der Wahrheit kein Interesse hat sondern
nur an der Macht und am Erhalt dieser Macht. Damit diese Macht erhalten
bleibt, ist es unabdingbar, dass die Menschen unwissend bleiben, dass
sie in Unkenntnis der Wahrheit leben, sogar der Wahrheit ihres eigenen
Lebens. Es umgibt uns deshalb ein weitverzweigtes
Lügengespinst, von
dem wir uns nähren.
Wie jeder der hier Anwesenden weiß, lautete die
Rechtfertigung
für die Invasion des Irak, Saddam Hussein verfüge
über ein hoch
gefährliches Arsenal an Massenvernichtungswaffen, von denen
einige
binnen 45 Minuten abgefeuert werden könnten, mit verheerender
Wirkung.
Man versicherte uns, dies sei wahr. Es war nicht die Wahrheit. Man
erzählte uns, der Irak unterhalte Beziehungen zu al-Qaida und
trage
Mitverantwortung für die Gräuel in New York am 11.
September 2001. Man
versicherte uns, dies sei wahr. Es war nicht die Wahrheit. Man
erzählte
uns, der Irak bedrohe die Sicherheit der Welt. Man versicherte uns es
sei wahr. Es war nicht die Wahrheit.
Die Wahrheit sieht völlig anders aus. Die Wahrheit hat damit
zu tun, wie die Vereinigten Staaten ihre Rolle in der Welt auffassen
und wie sie sie verkörpern wollen.
Doch bevor ich auf die Gegenwart zurückkomme, möchte
ich einen
Blick auf die jüngste Vergangenheit werfen; damit meine ich
die
Außenpolitik der Vereinigten Staaten seit dem Ende des 2.
Weltkriegs.
Ich glaube, wir sind dazu verpflichtet, diesen Zeitraum zumindest einer
gewissen, wenn auch begrenzten Prüfung zu unterziehen, mehr
erlaubt
hier die Zeit nicht.
Jeder weiß, was in der Sowjetunion und in ganz Osteuropa
während der Nachkriegszeit passierte: die systematische
Brutalität, die
weit verbreiteten Gräueltaten, die rücksichtslose
Unterdrückung
eigenständigen Denkens. All dies ist ausführlich
dokumentiert und
belegt worden.
Aber ich behaupte hier, dass die Verbrechen der USA im selben
Zeitraum nur oberflächlich protokolliert, geschweige denn
dokumentiert,
geschweige denn eingestanden, geschweige denn überhaupt als
Verbrechen
wahrgenommen worden sind. Ich glaube, dass dies benannt werden muss,
und dass die Wahrheit beträchtlichen Einfluss darauf hat, wo
die Welt
jetzt steht. Trotz gewisser Beschränkungen durch die Existenz
der
Sowjetunion, machte die weltweite Vorgehensweise der Vereinigten
Staaten ihre Überzeugung deutlich, für ihr Handeln
völlig freie Hand zu
besitzen.
Die direkte Invasion eines souveränen Staates war eigentlich
nie die bevorzugte Methode der Vereinigten Staaten. Vorwiegend haben
sie den von ihnen sogenannten „Low Intensity
Conflict“ favorisiert.
„Low Intensity Conflict“ bedeutet, dass tausende
von Menschen sterben
aber langsamer als würde man sie auf einen Schlag mit einer
Bombe
auslöschen. Es bedeutet, dass man das Herz des Landes
infiziert, dass
man eine bösartige Wucherung in Gang setzt und zuschaut wie
der
Faulbrand erblüht. Ist die Bevölkerung unterjocht
worden oder
totgeprügelt es läuft auf dasselbe hinaus und sitzen
die eigenen
Freunde, das Militär und die großen
Kapitalgesellschaften, bequem am
Schalthebel, tritt man vor die Kamera und sagt, die Demokratie habe
sich behauptet. Das war in den Jahren, auf die ich mich hier beziehe,
gang und gäbe in der Außenpolitik der USA.
Die Tragödie Nicaraguas war ein hochsignifikanter Fall. Ich
präsentiere ihn hier als schlagendes Beispiel für
Amerikas Sicht seiner
eigenen Rolle in der Welt, damals wie heute.
Ende der 80er Jahre nahm ich an einem Treffen in der amerikanischen
Botschaft in London teil.
Der Kongress der Vereinigten Staaten sollte entscheiden, ob man
die Contras in ihrem Feldzug gegen den nicaraguanischen Staat mit mehr
Geld unterstützt. Ich gehörte der Delegation an, die
für Nicaragua
sprach, doch das wichtigste Delegationsmitglied war Father John
Metcalf. Der Leiter der amerikanischen Gruppe war Raymond Seitz (damals
nach dem Botschafter die Nummer Zwei, später selber
Botschafter).
Father Metcalf sagte: „Sir, ich leite eine Gemeinde im Norden
Nicaraguas. Meine Gemeindeglieder haben eine Schule gebaut, ein
medizinisches Versorgungszentrum, ein Kulturzentrum. Wir haben in
Frieden gelebt. Vor einigen Monaten griffen Contratruppen die Gemeinde
an. Sie zerstörten alles: die Schule, das medizinische
Versorgungszentrum, das Kulturzentrum. Sie vergewaltigten
Krankenschwestern und Lehrerinnen, schlachteten die Ärzte aufs
brutalste ab. Sie benahmen sich wie Berserker. Bitte fordern Sie, dass
die US-Regierung diesen empörenden terroristischen Umtrieben
die
Unterstützung entzieht.“
Raymond Seitz besaß einen ausgezeichneten Ruf als rationaler,
verantwortungsbewusster und hoch kultivierter Mann. Er genoss in
diplomatischen Kreisen großes Ansehen. Er hörte
genau zu, zögerte und
sprach dann mit großem Ernst. „Father“,
sagte er, „ich möchte Ihnen
etwas sagen. Im Krieg leiden immer Unschuldige.“ Es herrschte
eisiges
Schweigen. Wir starrten ihn an. Er zuckte nicht einmal mit der Wimper.
In der Tat, Unschuldige leiden immer.
Schließlich sagte jemand: „Aber in diesem Fall
waren die
,Unschuldigen‘ Opfer einer durch Ihre Regierung
subventionierten,
entsetzlichen Gräueltat, einer von vielen. Sollte der Kongress
den
Contras mehr Geld bewilligen, wird es zu weiteren Gräueln
kommen. Ist
dem nicht so? Macht sich Ihre Regierung damit nicht der
Unterstützung
von Mordtaten und Vernichtungswerken schuldig, begangen an
Bürgern
eines souveränen Staates?“
Seitz ließ sich durch nichts erschüttern.
„Ich bin nicht der
Auffassung, dass die vorliegenden Fakten Ihre Behauptungen
stützen“,
sagte er.
Beim Verlassen der Botschaft sagte mir ein US-Berater, er
schätze meine Stücke. Ich reagierte nicht.
Ich darf Sie daran erinnern, dass Präsident Reagan damals
folgendes Statement abgab: „Die Contras stehen moralisch auf
einer
Stufe mit unseren Gründervätern.“
Die Vereinigten Staaten unterstützten die brutale
Somoza-Diktatur in Nicaragua über 40 Jahre. Angeführt
von den
Sandinisten, stürzte das nicaraguanische Volk 1979 dieses
Regime, ein
atemberaubender Volksaufstand.
Die Sandinisten waren nicht vollkommen. Auch sie verfügten
über eine gewisse Arroganz, und ihre politische Philosophie
beinhaltete
eine Reihe widersprüchlicher Elemente. Aber sie waren
intelligent,
einsichtig und zivilisiert. Sie machten sich daran, eine stabile,
anständige, pluralistische Gesellschaft zu gründen.
Die Todesstrafe
wurde abgeschafft. Hunderttausende verarmter Bauern wurden quasi ins
Leben zurückgeholt. Über 100.000 Familien erhielten
Grundbesitz.
Zweitausend Schulen entstanden. Eine äußerst
bemerkenswerte
Alphabetisierungskampagne verringerte den Anteil der Analphabeten im
Land auf unter ein Siebtel. Freies Bildungswesen und kostenlose
Gesundheitsfürsorge wurden eingeführt. Die
Kindersterblichkeit ging um
ein Drittel zurück. Polio wurde ausgerottet.
Die Vereinigten Staaten denunzierten diese Leistungen als
marxistisch-leninistische Unterwanderung. Aus Sicht der US-Regierung
war dies ein gefährliches Beispiel. Erlaubte man Nicaragua,
elementare
Normen sozialer und ökonomischer Gerechtigkeit zu etablieren,
erlaubte
man dem Land, den Standard der Gesundheitsfürsorge und des
Bildungswesens anzuheben und soziale Einheit und nationale
Selbstachtung zu erreichen, würden benachbarte Länder
dieselben Fragen
stellen und dieselben Dinge tun. Damals regte sich natürlich
heftiger
Widerstand gegen den in El Salvador herrschenden Status quo.
Ich erwähnte vorhin das
„Lügengespinst“, das uns umgibt.
Präsident Reagan beschrieb Nicaragua meist als
„totalitären Kerker“.
Die Medien generell und ganz bestimmt die britische Regierung werteten
dies als zutreffenden und begründeten Kommentar. Aber
tatsächlich gab
es keine Berichte über Todesschwadronen unter der
sandinistischen
Regierung. Es gab keine Berichte über Folterungen. Es gab
keine
Berichte über systematische oder offiziell autorisierte
militärische
Brutalität. In Nicaragua wurde nie ein Priester ermordet. Es
waren
vielmehr drei Priester an der Regierung beteiligt, zwei Jesuiten und
ein Missionar des Maryknoll-Ordens. Die totalitären Kerker
befanden
sich eigentlich nebenan in El Salvador und Guatemala. Die Vereinigten
Staaten hatten 1954 die demokratisch gewählte Regierung von
Guatemala
gestürzt, und Schätzungen zufolge sollen den
anschließenden
Militärdiktaturen mehr als 200.000 Menschen zum Opfer gefallen
sein.
Sechs der weltweit namhaftesten Jesuiten wurden 1989 in der
Central American University in San Salvador von einem Batallion des in
Fort Benning, Georgia, USA, ausgebildeten Alcatl-Regiments
getötet. Der
außergewöhnlich mutige Erzbischof Romero wurde
ermordet, als er die
Messe las. Schätzungsweise kamen 75.000 Menschen ums Leben.
Weshalb
wurden sie getötet? Sie wurden getötet, weil sie ein
besseres Leben
nicht nur für möglich hielten sondern auch
verwirklichen wollten.
Dieser Glaube stempelte sie sofort zu Kommunisten. Sie starben, weil
sie es wagten, den Status quo infrage zu stellen, das endlose Plateau
von Armut, Krankheit, Erniedrigung und Unterdrückung, das ihr
Geburtsrecht gewesen war.
Die Vereinigten Staaten stürzten schließlich die
sandinistische Regierung. Es kostete einige Jahre und
beträchtliche
Widerstandskraft, doch gnadenlose ökonomische Schikanen und
30.000 Tote
untergruben am Ende den Elan des nicaraguanischen Volkes. Es war
erschöpft und erneut verarmt. Die Casinos kehrten ins Land
zurück. Mit
dem kostenlosen Gesundheitsdienst und dem freien Schulwesen war es
vorbei. Das Big Business kam mit aller Macht zurück. Die
'Demokratie'
hatte sich behauptet.
Doch diese „Politik“ blieb keineswegs auf
Mittelamerika
beschränkt. Sie wurde in aller Welt betrieben. Sie war endlos.
Und es
ist, als hätte es sie nie gegeben.
Nach dem Ende des 2. Weltkriegs unterstützten die Vereinigten
Staaten jede rechtsgerichtete Militärdiktatur auf der Welt,
und in
vielen Fällen brachten sie sie erst hervor. Ich verweise auf
Indonesien, Griechenland, Uruguay, Brasilien, Paraguay, Haiti, die
Türkei, die Philippinen, Guatemala, El Salvador und
natürlich Chile.
Die Schrecken, die Amerika Chile 1973 zufügte, können
nie gesühnt und
nie verziehen werden.
In diesen Ländern hat es Hunderttausende von Toten gegeben.
Hat es sie wirklich gegeben? Und sind sie wirklich alle der
US-Außenpolitik zuzuschreiben? Die Antwort lautet ja, es hat
sie
gegeben, und sie sind der amerikanischen Außenpolitik
zuzuschreiben.
Aber davon weiß man natürlich nichts.
Es ist nie passiert. Nichts ist jemals passiert. Sogar als es
passierte, passierte es nicht. Es spielte keine Rolle. Es interessierte
niemand. Die Verbrechen der Vereinigten Staaten waren systematisch,
konstant, infam, unbarmherzig, aber nur sehr wenige Menschen haben
wirklich darüber gesprochen. Das muss man Amerika lassen. Es
hat
weltweit eine ziemlich kühl operierende Machtmanipulation
betrieben,
und sich dabei als Streiter für das universelle Gute
gebärdet. Ein
glänzender, sogar geistreicher, äußerst
erfolgreicher Hypnoseakt.
Ich behaupte, die Vereinigten Staaten ziehen die
größte Show
der Welt ab, ganz ohne Zweifel. Brutal, gleichgültig,
verächtlich und
skrupellos, aber auch ausgesprochen clever. Als Handlungsreisende
stehen sie ziemlich konkurrenzlos da, und ihr Verkaufsschlager
heißt
Eigenliebe. Ein echter Renner. Man muss nur all die amerikanischen
Präsidenten im Fernsehen die Worte sagen hören:
„das amerikanische
Volk“, wie zum Beispiel in dem Satz: „Ich sage dem
amerikanischen Volk,
es ist an der Zeit, zu beten und die Rechte des amerikanischen Volkes
zu verteidigen, und ich bitte das amerikanische Volk, den Schritten
ihres Präsidenten zu vertrauen, die er im Auftrag des
amerikanischen
Volkes unternehmen wird.“
Ein brillanter Trick. Mit Hilfe der Sprache hält man das
Denken in Schach. Mit den Worten „das amerikanische
Volk“ wird ein
wirklich luxuriöses Kissen zur Beruhigung gebildet. Denken ist
überflüssig. Man muss sich nur ins Kissen fallen
lassen. Möglicherweise
erstickt das Kissen die eigene Intelligenz und das eigene
Urteilsvermögen, aber es ist sehr bequem. Das gilt
natürlich weder für
die 40 Millionen Menschen, die unter der Armutsgrenze leben, noch
für
die 2 Millionen Männer und Frauen, die in dem riesigen Gulag
von
Gefängnissen eingesperrt sind, der sich über die
Vereinigten Staaten
erstreckt.
Den Vereinigten Staaten liegt nichts mehr am low intensity
conflict. Sie sehen keine weitere Notwendigkeit, sich
Zurückhaltung
aufzuerlegen oder gar auf Umwegen ans Ziel zu kommen. Sie legen ihre
Karten ganz ungeniert auf den Tisch. Sie scheren sich einen Dreck um
die Vereinten Nationen, das Völkerrecht oder kritischen
Dissens, den
sie als machtlos und irrelevant betrachten. Sie haben sogar ein
kleines, blökendes Lämmchen, das ihnen an einer Leine
hinterher
trottelt, das erbärmliche und abgeschlaffte
Großbritannien.
Was ist aus unserem sittlichen Empfinden geworden? Hatten wir
je eines? Was bedeuten diese Worte? Stehen sie für einen
heutzutage
äußerst selten gebrauchten Begriff –
Gewissen? Ein Gewissen nicht nur
hinsichtlich unseres eigenen Tuns sondern auch hinsichtlich unserer
gemeinsamen Verantwortung für das Tun anderer? Ist all das
tot? Nehmen
wir Guantanamo Bay. Hunderte von Menschen, seit über drei
Jahren ohne
Anklage in Haft, ohne gesetzliche Vertretung oder ordentlichen Prozess,
im Prinzip für immer inhaftiert. Diese absolut rechtswidrige
Situation
existiert trotz der Genfer Konvention weiter. Die sogenannte
„internationale Gemeinschaft“ toleriert sie nicht
nur, sondern
verschwendet auch so gut wie keinen Gedanken daran. Diese kriminelle
Ungeheuerlichkeit begeht ein Land, das sich selbst zum
„Anführer der
freien Welt“ erklärt. Denken wir an die Menschen in
Guantanamo Bay? Was
berichten die Medien über sie? Sie tauchen gelegentlich auf
– eine
kleine Notiz auf Seite sechs. Sie wurden in ein Niemandsland geschickt,
aus dem sie womöglich nie mehr zurückkehren.
Gegenwärtig sind viele im
Hungerstreik, werden zwangsernährt, darunter auch britische
Bürger.
Zwangsernährung ist kein schöner Vorgang. Weder
Beruhigungsmittel noch
Betäubung. Man bekommt durch die Nase einen Schlauch in den
Hals
gesteckt. Man spuckt Blut. Das ist Folter. Was hat der britische
Außenminister dazu gesagt? Nichts. Was hat der britische
Premierminister dazu gesagt? Nichts. Warum nicht? Weil die Vereinigten
Staaten gesagt haben: Kritik an unserem Vorgehen in Guantanamo Bay
stellt einen feindseligen Akt dar. Ihr seid entweder für uns
oder gegen
uns. Also hält Blair den Mund.
Die Invasion des Irak war ein Banditenakt, ein Akt von
unverhohlenem Staatsterrorismus, der die absolute Verachtung des
Prinzips von internationalem Recht demonstrierte. Die Invasion war ein
willkürlicher Militäreinsatz, ausgelöst
durch einen ganzen Berg von
Lügen und die üble Manipulation der Medien und somit
der
Öffentlichkeit; ein Akt zur Konsolidierung der
militärischen und
ökonomischen Kontrolle Amerikas im mittleren Osten unter der
Maske der
Befreiung, letztes Mittel, nachdem alle anderen Rechtfertigungen sich
nicht hatten rechtfertigen lassen. Eine beeindruckende Demonstration
einer Militärmacht, die für den Tod und die
Verstümmelung abertausender
Unschuldiger verantwortlich ist.
Wir haben dem irakischen Volk Folter, Splitterbomben,
abgereichertes Uran, zahllose, willkürliche Mordtaten, Elend,
Erniedrigung und Tod gebracht und nennen es „dem mittleren
Osten
Freiheit und Demokratie bringen“.
Wie viele Menschen muss man töten, bis man sich die
Bezeichnung verdient hat, ein Massenmörder und
Kriegsverbrecher zu
sein? Einhunderttausend? Mehr als genug, würde ich meinen.
Deshalb ist
es nur gerecht, dass Bush und Blair vor den Internationalen
Strafgerichtshof kommen. Aber Bush war clever. Er hat den
Internationalen Strafgerichtshof gar nicht erst anerkannt. Für
den
Fall, dass sich ein amerikanischer Soldat oder auch ein Politiker auf
der Anklagebank wiederfindet, hat Bush damit gedroht, die Marines in
den Einsatz zu schicken. Aber Tony Blair hat den Gerichtshof anerkannt
und steht für ein Gerichtsverfahren zur Verfügung.
Wir können dem
Gerichtshof seine Adresse geben, falls er Interesse daran hat. Sie
lautet Number 10, Downing Street, London.
Der Tod spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle. Für Bush
und Blair ist der Tod eine Lappalie. Mindestens 100.000 Iraker kamen
durch amerikanische Bomben und Raketen um, bevor der irakische Aufstand
begann. Diese Menschen sind bedeutungslos. Ihr Tod existiert nicht. Sie
sind eine Leerstelle. Sie werden nicht einmal als tot gemeldet.
„Leichen zählen wir nicht“, sagte der
amerikanische General Tommy
Franks.
Ganz zu Beginn der Invasion veröffentlichten die britischen
Zeitungen auf der Titelseite ein Foto von Tony Blair, der einen kleinen
irakischen Jungen auf die Wange küsst. „Ein
dankbares Kind“, lautete
die Überschrift. Einige Tage später gab es auf einer
Innenseite einen
Bericht und ein Foto von einem anderen vierjährigen Jungen,
ohne Arme.
Eine Rakete hatte seine Familie in die Luft gesprengt. Er war der
einzige Überlebende. „Wann bekomme ich meine Arme
wieder?“ fragte er.
Der Bericht wurde nicht weiter verfolgt. Nun, diesen Jungen hielt auch
nicht Tony Blair in den Armen, weder ihn noch sonst ein anderes
verstümmeltes Kind oder irgendeine blutige Leiche. Blut ist
schmutzig.
Es verschmutzt einem Hemd und Krawatte, wenn man eine aufrichtige
Ansprache im Fernsehen hält.
Die 2000 toten Amerikaner sind peinlich. Sie werden bei
Dunkelheit zu ihren Gräbern transportiert. Die Beerdigungen
finden
dezent statt, an einem sicheren Ort. Die Verstümmelten
verfaulen in
ihren Betten, manche für den Rest ihres Lebens. Die Toten und
die
Verstümmelten verfaulen beide, nur in unterschiedlichen
Gräbern.
Dies ist ein Stück aus einem Gedicht von Pablo Neruda:
„Erklärung einiger Dinge“:
Und eines Morgens brachen die Flammen aus allem,
und eines Morgens stiegen lodernde Feuer
aus der Erde,
verschlangen Leben,
und seither Feuer,
Pulver seither,
und seither Blut.
Banditen mit Flugzeugen und Marokkanern,
Banditen mit Ringen und Herzoginnen,
Banditen mit segnenden schwarzen Mönchen
kamen vom Himmel, um Kinder zu töten,
und durch die Strassen das Blut der Kinder
floss einfach, wie das Blut von Kindern.
Schakale, widerwärtig für einen Schakal,
Steine, auf die die trockene Distel gespien hätte,
Vipern, die Vipern verachten würden!
Vor euch habe ich das Blut
Spaniens aufwallen gesehn,
euch zu ersäufen in einer einzigen Woge
von Stolz und Messern!
Generäle
Verräter:
seht mein totes Haus,
seht mein zerbrochenes Spanien:
doch aus jedem Haus schiesst brennendes Metall
anstelle von Blumen,
aus jedem Loch in Spanien
springt Spanien empor,
aus jedem ermordeten Kind wächst ein Gewehr mit Augen,
aus jedem Verbrechen werden Kugeln geboren,
die eines Tages den Sitz
eines Herzens finden werden.
Ihr fragt, warum seine Dichtung uns nichts
von der Erde erzählt, von den Blättern,
den großen Vulkanen seines Heimatlandes?
Kommt, seht das Blut in den Strassen,
kommt, seht
das Blut in den Straßen,
kommt, seht doch das Blut
in den Strassen! [1]
Ich möchte ganz unmissverständlich sagen, dass ich,
indem ich
aus Nerudas Gedicht zitiere, keinesfalls das republikanische Spanien
mit dem Irak Saddam Husseins vergleiche. Ich zitiere Neruda, weil ich
nirgendwo sonst in der zeitgenössischen Lyrik eine so
eindringliche,
wahre Beschreibung der Bombardierung von Zivilisten gelesen habe.
Ich sagte vorhin, die Vereinigten Staaten würden ihre Karten
jetzt völlig ungeniert auf den Tisch legen. Dem ist genau so.
Ihre
offiziell verlautbarte Politik definiert sich jetzt als „full
spectrum
dominance“. Der Begriff stammt nicht von mir sondern von
ihnen. „Full
spectrum dominance“ bedeutet die Kontrolle über
Land, Meer, Luft und
Weltraum, sowie aller zugehörigen Ressourcen.
Die Vereinigten Staaten besitzen, über die ganze Welt
verteilt, 702 militärische Anlagen in 132 Ländern,
mit der rühmlichen
Ausnahme Schwedens natürlich. Wir wissen nicht ganz genau, wie
sie da
hingekommen sind, aber sie sind jedenfalls da.
Die Vereinigten Staaten verfügen über 8000 aktive und
operative Atomsprengköpfe. Zweitausend davon sind sofort
gefechtsbereit
und können binnen 15 Minuten abgefeuert werden. Es werden
jetzt neue
Nuklearwaffensysteme entwickelt, bekannt als Bunker-Busters. Die stets
kooperativen Briten planen, ihre eigene Atomrakete Trident zu ersetzen.
Wen, frage ich mich, haben sie im Visier? Osama Bin Laden? Sie? Mich?
Joe Dokes? China? Paris? Wer weiß das schon? Eines wissen wir
allerdings, nämlich dass dieser infantile Irrsinn –
der Besitz und
angedrohte Einsatz von Nuklearwaffen – den Kern der
gegenwärtigen
politischen Philosophie Amerikas bildet. Wir müssen uns in
Erinnerung
rufen, dass sich die Vereinigten Staaten dauerhaft im Kriegszustand
befinden und mit nichts zu erkennen geben, dass sie diese Haltung
aufgeben.
Abertausende wenn nicht gar Millionen Menschen in den USA sind
nachweislich angewidert, beschämt und erzürnt
über das Vorgehen ihrer
Regierung, aber so wie die Dinge stehen, stellen sie keine einheitliche
politische Macht dar – noch nicht. Doch die Besorgnis,
Unsicherheit und
Angst, die wir täglich in den Vereinigten Staaten wachsen
sehen können,
werden aller Wahrscheinlichkeit nach nicht schwinden.
Ich weiß, dass Präsident Bush zahlreiche
ausgesprochen fähige
Redenschreiber hat, aber ich möchte mich freiwillig
für den Job melden.
Ich schlage folgende kurze Ansprache vor, die er im Fernsehen an die
Nation halten kann. Ich sehe ihn vor mir: feierlich, penibel
gekämmt,
ernst, gewinnend, aufrichtig, oft verführerisch, manchmal mit
einem
bitteren Lächeln, merkwürdig anziehend, ein echter
Mann.
„Gott ist gut. Gott ist groß. Gott ist gut. Mein
Gott ist gut.
Bin Ladens Gott ist böse. Er ist ein böser Gott.
Saddams Gott war böse,
wenn er einen gehabt hätte. Er war ein Barbar. Wir sind keine
Barbaren.
Wir hacken Menschen nicht den Kopf ab. Wir glauben an die Freiheit. So
wie Gott. Ich bin kein Barbar. Ich bin der demokratisch
gewählte
Anführer einer freiheitsliebenden Demokratie. Wir sind eine
barmherzige
Gesellschaft. Wir gewähren einen barmherzigen Tod auf dem
elektrischen
Stuhl und durch barmherzige Todesspritzen. Wir sind eine
große Nation.
Ich bin kein Diktator. Er ist einer. Ich bin kein Barbar. Er ist einer.
Und er auch. Die alle da. Ich besitze moralische Autorität.
Seht ihr
diese Faust? Das ist meine moralische Autorität. Und vergesst
das bloß
nicht.“
Das Leben eines Schriftstellers ist ein äußerst
verletzliches,
fast schutzloses Dasein. Darüber muss man keine
Tränen vergießen. Der
Schriftsteller trifft seine Wahl und hält daran fest. Es
stimmt jedoch,
dass man allen Winden ausgesetzt ist, und einige sind wirklich eisig.
Man ist auf sich allein gestellt, in exponierter Lage. Man findet keine
Zuflucht, keine Deckung – es sei denn, man lügt
– in diesem Fall hat
man sich natürlich selber in Deckung gebracht und ist, so
ließe sich
argumentieren, Politiker geworden.
Ich habe heute Abend etliche Male vom Tod gesprochen. Ich werde jetzt
ein eigenes Gedicht zitieren. Es heißt
„Tod“.
Wo fand man den Toten?
Wer fand den Toten?
War der Tote tot, als man ihn fand?
Wie fand man den Toten?
Wer war der Tote?
Wer war der Vater oder die Tochter oder der Bruder
Oder der Onkel oder die Schwester oder die Mutter oder der Sohn
Des toten und verlassenen Toten?
War er tot, als er verlassen wurde?
War er verlassen?
Wer hatte ihn verlassen?
War der Tote nackt oder gekleidet für eine Reise?
Warum haben Sie den Toten für tot erklärt?
Haben Sie den Toten für tot erklärt?
Wie gut haben Sie den Toten gekannt?
Woher wussten sie, dass der Tote tot war?
Haben Sie den Toten gewaschen
Haben Sie ihm beide Augen geschlossen
Haben Sie ihn begraben
Haben Sie ihn verlassen
Haben Sie den Toten geküsst [2]
Blicken wir in einen Spiegel, dann halten wir das Bild, das uns
daraus entgegensieht, für akkurat. Aber bewegt man sich nur
einen
Millimeter, verändert sich das Bild. Wir sehen im Grunde eine
endlose
Reihe von Spiegelungen. Aber manchmal muss ein Schriftsteller den
Spiegel zerschlagen – denn von der anderen Seite dieses
Spiegels blickt
uns die Wahrheit ins Auge.
Ich glaube, dass den existierenden, kolossalen Widrigkeiten
zum Trotz die unerschrockene, unbeirrbare, heftige intellektuelle
Entschlossenheit, als Bürger die wirkliche Wahrheit unseres
Lebens und
unserer Gesellschaften zu bestimmen, eine ausschlaggebende
Verpflichtung darstellt, die uns allen zufällt. Sie ist in der
Tat
zwingend notwendig.
Wenn sich diese Entschlossenheit nicht in unserer politischen
Vision verkörpert, bleiben wir bar jeder Hoffnung, das
wiederherzustellen, was wir schon fast verloren haben – die
Würde des
Menschen.
Fußnoten
1. aus Pablo Neruda: Dritter Aufenthalt auf Erden, 1937/1947.
Übersetzt von Erich Arendt, in Der unsichtbare Fluss
– ein Lesebuch
herausgegeben von Victor Farias. Luchterhand, Hamburg, 1994.
2. aus Harold Pinter: Krieg. Übersetzt von Elisabeth Plessen
und Peter Zadek. Rogner und Bernhard, Hamburg, 2003.
Übersetzung von Michael Walter
© DIE NOBELSTIFTUNG 2005
Aus: Website der Nobelpreis-Komitees, http://nobelprize.org