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Liste aller Rezensionen


Planmäßige Willkür Entmenschter Menschheit
Neuinszenierung von Brechts „Heiliger Johanna" in Dresden


Neues vom Dresdner Schauspielhaus

Während des Stühlerückens werden der Öffentlichkeit mehr oder minder treffende, fragmentarische Urteile über die Bewerber bzw. der Inhaber der Intendantenposten verraten. Eine hohe Stelle im sächsischen Kulturleben indessen setzte nicht auf Leistung, sondern auf das Dienstalter. Sechs Jahre seien schon genug, hieß es ausgerechnet auf Intendant Holk Freytag bezogen, der vom ersten Arbeitstag an gegen das ins Haus eingedrungen Hochwasser zu kämpfen hatte, als Theaterleiter eine Fülle von Einfällen und Initiativen verwirklichte und als Regisseur wahrhaft nicht die leichtesten Inszenierungen schuf.

Unter der alten Leitung und von erfahrenen Regisseuren wurden zwei einprägsame Einstudierungen vorgestellt. Sartres Tragödie „Die Trojanerinnen des Euripides“ Regie Holk Freytag und die Neuinszenierung von Schillers „Wilhelm Tell“ in der Regie von Wolfgang Engel. Wir wünschen diesen Produktionen noch viel Bühnenlicht.

Der neue Intendant des Staatsschauspiels Wilfried Schulz brachte fertige Inszenierungen nach Dresden und die jungen Regisseure gleich mit: Simon Solberg (Romeo und Julia) und Tilman Köhler (Heilige Johanna der Schlachthöfe). Sie konnten bereits an nicht wenigen Abenden den neugierigen Dresdnern ihre Künste zeigen.

„Planmäßige Willkür Entmenschter Menschheit“

Neuinszenierung von Brechts „Heiliger Johanna" in Dresden

Dem Handlungsverlauf der „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“ entsprechen wesentlichen Erkenntnissen über zyklische Wirtschaftskrisen und ihre Begleiterscheinungen. Dabei gelangt die Inszenierung von Tilmann Köhler weder zur dogmatischen Parteischule noch zum vorwitzigen politischen Kabarett. Mit kritischem Verstande, einer Flut an Bildern und einer ausdruckstarken Körpersprache kann sie als kollektive Suche nach Bewältigung der Mühseligkeiten des menschlichen Daseins gelten.

Der Ausbruch der Krise in der Exposition wird gleich dreifach gestaltet. Pierpont Mauler - ungekrönter Fleischkönig von Chicago - erhält von einem Gewährsmann in New York den überraschenden Tipp vom drohenden Zusammenbruch des Fleischmarktes. Im kleinen Kreis verrät Mauler, dass er seinen Konkurrenten bezwungen und sein Imperium verkauft habe. Eleganz und Behaglichkeit von Clubsesseln bestimmen nicht das Bild eines weitgehend leeren Bühnenraums. Dort steht, geht und parliert Mauler über die Unerschütterlichkeit seiner Macht. Der Darsteller setzt dabei erhebliches Stimmmaterial ein, steigert das Sprechtempo bis hin zur Undeutlichkeit, während im Kontrast dazu die Titelheldin ihren Part zu großen Teilen mit hoher Sprechkultur gestaltet. Beträchtliche Partien des Textes werden in Gruppen gesprochen. An einer Stelle werden gegnerische Kräfte in die gleiche Gruppe hinein genommen.

Matthias Reichwald gestaltete Mauler stufenweise zu einer imposanten Theaterfigur, der seiner Umgebung mehr schlecht als recht sein Mitleid mit den geschlachteten Ochsen vorheuchelt. Kaltherzig vermag er über den von ihm ruinierten Konkurrenten sprechen. Als ihn völlig unvermutet die Krise selbst trifft, erleidet einen Zusammenbruch. Mit großer Geste genießt er letztlich seinen Triumph. Benjamin Reichwald deutete an, was er aus dem raffinierten Makler Slift hätte machen können, wenn das meiste dieser Bombenrolle nicht gestrichen worden wäre

Antje Traumann spielt ein naives, von Idealen erfülltes junges Mädchen. In diesen verhängnisvollen Beziehungen zu Mauler und dessen Leuten verleiht sie
der Gestalt zu wenig Klugheit. So bleibt eine schöne Seele als Gesamteindruck haften. Ein Begriff aus der Spätklassik, den auch Brechts Text übernimmt. Christine Hoppe stellt eine Tragödie am Rande dar: die schoflige Abfertigung einer Arbeiterfrau, deren Mann auf schlimme Weise in die Messer der Fleischfabrik geriet.
Der Musiker Jörg-Martin Wagner akzentuierte mit seinen Schlägen die Geschehnisse auf der Bühne, die Karoly Risz entworfen hat. Kostüme Susanne Uhl.
Charakterisch eines der Schlussbilder. Auf der Bühne mehrere Haufen kleiner Kistchen, die nach einem Signal bravourös zu phantasievollen Gebilden zusammen gefügt werden. In Teilen dieser Inszenierung wird nicht das Wort durch das Bild entschlüsselt, die Bühnenhandlung ist vielmehr ein gleichrangiger Gegenwurf zur literarischen Vorgestalt .

© Heinz Arnold, Dresden


Rezensent/Rezensentin
Heinz Arnold Geboren und aufgewachsen in einem erzgebirgischen Grenzdorf, Besuch einer Berufsfachschule und Tätigkeit im öffentlichen Dienst, Abitur an der Abendoberschule Chemnitz, fünfjähriges Studium an der Universität Leipzig, Germanistik und Geschichte als Hauptfächer, Theaterwissenschaften und Musikgeschichte als Nebenfächer. Während dieser Jahre als Lektor und Assitent Promotion zum Doktor der Philosophie und Berufung als Dozent für neuere und neueste Literaturgeschichte und Lehrtätigkeit an einer Dresdner und polnischen Hochschule sowie einer tschechischen Universität. Arbeit als Theaterkritiker seit Studentenzeiten.

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