Des Teufels General Der Untergang des Fliegeroffiziers - Ein Nachkriegsstück im Dresdner Schauspielhaus
Im Falle von Carl Zuckmayers "Des Teufels General" sind sowohl Entstehung als auch die Wirkung höchst widerspruchsvoll. Der Dramatiker arbeitete als Farmer im amerikanischen Exil. Er nutze kostbare Nachtstunden, um über den Tod eines deutschen Fliegeroffiziers zu schreiben. Von der Entstehung her ist es faktisch ein amerikanisches Dokument, das aus Geschichten über das faschistische Deutschland besteht. Der Chronist berichtet die Ereignisse zur gleichen Zeit, Ende 1941, wie sie sich in der Realität zutrugen. Die Wirkungszeit als Theaterstück beginnt nach dem Krieg im Dezember 1946 im Schauspielhaus Zürich.
Alle vier Besatzungsmächte verlangten in Verbindung mit den deutschen antifaschistischen Kräften eine umfassende demokratische Erziehung des deutschen Volkes. Carl Zuckmayer konnte sein Werk als frühen dramatischen Beitrag zu dieser umfassenden Aufgabenstellung beitragen. Zahlreiche verschiedene Inszenierungen riefen entspannte Begeisterungsstürme oder heftige Ablehnungen hervor. Eine spätere Bearbeitung des Autors wurde nicht mehr recht angenommen.
Die Kritik entzündete sich an der Titelfigur. Harras ist ein exzellenter Techniker und ein kühner Pilot. Als er merkte, dass in den dreißiger Jahren "ein kleiner Weltkrieg angerichtet" wurde, zog es ihn mit. Obwohl er eine - nicht recht begründete - Abneigung gegen die Nationalsozialisten hatte, sollte doch kein Luftkrieg ohne ihn stattfinden. In kurzer Zeit kämpfte er sich zu einem der wichtigsten Männer in der deutschen Luftwaffe empor. Offenherzig spricht er über Eigenschaften und Eigenheiten, die seinen Nimbus ausmachen, sein feinsinniger Umgang mit Freunden, die betonte Kameradschaftlichkeit Untergebenen gegenüber, die Verbindung von Liebe und Achtung. Der Mutter Stolz auf Medaillen könnte einer der Gründe für sein Verbleiben beim Militär sein, kultivierter Alkoholgenuss, Sangesfreude in Gesellschaft, Redseligkeit von kundiger Belehrung bis zur Schnoddrigkeit, nimmt für sich den Grundsatz in Anspruch, was gedacht, muss auch gesagt werden.
Bald nach der Uraufführung in Zürich erblickten 40 deutschsprachige Inszenierungen das Bühnenlicht. Als 20 Jahre früher Zuckmayers Komödie "Der fröhliche Weinberg" seine Premiere erlebte, stand der Dramatiker hinter der Bühne, die Worte inständig flüsternd: „Hoffentlich zerlacht mir das Publikum nicht meine Pointen“. Als die Dramaturgen nach den Optionen für „Des Teufels General“ Schlange standen, da befürchtete Zuckmayer, dass die unterschiedlichen Theater das Schauspiel kaputt spielen könnten. Was zum Teil auch tatsächlich geschah. Die meisten Regisseure machten aus der spannenden eine reißerische Handlung. Andere versuchten der zum Teil papierenen Sprache durch Bild und Pathos künstlerisch aufzuhelfen. Daneben ging eine weitere Gruppe von einem Freiheitsbegriff aus, wie er diesseits des Eisernen Vorhangs vielfach formuliert wurde. Obwohl der Stücktext das Gegenteil meinte und auch aussprach, dass das ganze deutsche Volk unter einem einzigen Befehlsnotstand lebte und litt, so kann doch eine lebendige Theaterveranstaltung mit Bild und Ton ein vermeintlich verantwortungsbewusstes und fröhliches Offizierskorps vorzeigen. Der Begriff der demokratischen Erziehung erwies sich bald als indifferent.
Die Dresdner Theaterfassung schufen der Regisseur Burkhard C. Kosminski und der Dramaturg Jens Groß. Das Buch ist so geschickt ausgeschnitten worden, dass ein eigenständiges Stück entstehen konnte. Zu den vielen Streichungen gehört auch der gesamte Text der jungen Schauspielerin Olivia. Die spaßigen, kindisch-übermütigen Dialoge des ungleichen Paares bilden kein komisches Pendant zum Ernst der Handlung.
Im Rollenbild gibt sich Harras als spendabler Gastgeber und zugleich eloquenter Wortführer. In den Kreisen, in denen er verkehrt, äußerte er sich kritisch und witzig über Erscheinungen des Dritten Reiches. Noch während des Kameradschaftstreffens der Offiziere kommen hinter dem Scherz gewichtige Probleme zur Sprache, wie zum Beispiel die Auswirkungen des Ostfeldzugs auf den Endsieg. Durch Mimik, Gänge und Geräusche entsteht ein akzentuierender Nebentext, besonders beim Hauptdarsteller Tom Quaas reich ausgeprägt. Unauffällig fixiert er den Dialogpartner, an anderer Stelle hört er kritisch den eigenen Worten nach. Auch das Beiseitesprechen wird wirkungsvoll und drastisch eingesetzt. Flugzeugführer Hartmann (Benjamin Pauquet), durch Verbindung von Vorgeschichte und aktuellem Konflikt zu einer anrührenden Gestalt geformt, kann für Ehe und Karriere zwei arische Großmütter nicht mehr nachweisen. Das schmerzt ihn sehr, aber die nationalsozialistische Rassenpolitik findet er trotzdem richtig. Angesichts dieser Verblendung kann Harras nur laut Scheiße brüllen.
Im klassischen Konfliktdrama stehen sich Spieler und Gegenspieler einander gegenüber. Reich ausgeprägt sind die Dramen, die von einer Zentralfigur aus konstruiert sind und die von anderen Gestalten umfasst werden. Konflikte rumoren in dem ganzen Raum des Schauspiels und prägen das Profil der darzustellenden Persönlichkeiten. Am nächsten unter den Männern sind der General und Oberst Eilers. Als man seinen 50. Abschuss feierte, machte er (Philipp Lux) gar kein frohes Gesicht. Und seiner Frau gegenüber sagte er, wie schwer es ihm fiele, die Leute auszulöschen. Das sind Materialien, wie sie für eine plakative Darstellung reichen und sie stünden verloren da, wenn nicht nach seinem Tode sich Anna (Annedore Bauer) an Harras wandte und ihm die ganze Schuld zuweist. Diese Szene geht vor allen anderen dem General ans Gewissen. Es gibt noch eine Gegenszene, in der Harras verlockt wird, sich ganz der Hölle hinzugeben. Das junge Pützchen (Annika Schilling) ist eine Mischung von Lüsternheit, Standesdünkel und schlecht gelesenem Nietzsche.
Bleiben noch zwei Ideologen: Zum einen Dr. Schmidt-Lausitz (Philipp Otto), allenthalben als Teufel oder zumindest als fanatischer Nazi dargestellt, als der er mit Gespür schlaue Auffassungen erfasst und in seiner kleinen Tasche sammelt, zum anderen der Widerstandskämpfer Oderbruch (Thomas Eisen). Dieser blieb mir zu fremd, um ihm in seiner verschrobenen Logik näher zu kommen.
Das Bühnenbild (Florian Etti) stellte kritische Beschreibungen dar. Die Kostümbildnerin Sabine Blickenstorfer überraschte mit einfallsreichen Kreationen.
Die Reaktionen und der Beifall des Publikums zeigten, wie wir es gelernt haben und weiter lernen, mit der faschistischen Vergangenheit umzugehen. Ich bezweifle, dass dieser an uns gestellte Dauerauftrag gefördert werden kann, wenn am Ende einer Theaterveranstaltung eine der beiden Nationalhymnen des nationalsozialistischen Deutschlands, das Horst Wessel Lied in seine vierstrophischen Gänze gesungen wird.
Rezensent/Rezensentin
Heinz Arnold
Geboren und aufgewachsen in einem erzgebirgischen Grenzdorf, Besuch einer Berufsfachschule und Tätigkeit im öffentlichen Dienst, Abitur an der Abendoberschule Chemnitz, fünfjähriges Studium an der Universität Leipzig, Germanistik und Geschichte als Hauptfächer, Theaterwissenschaften und Musikgeschichte als Nebenfächer. Während dieser Jahre als Lektor und Assitent Promotion zum Doktor der Philosophie und Berufung als Dozent für neuere und neueste Literaturgeschichte und Lehrtätigkeit an einer Dresdner und polnischen Hochschule sowie einer tschechischen Universität. Arbeit als Theaterkritiker seit Studentenzeiten.
Ein Zeichen für die Welt Wenn Katrin Brack über ihre Arbeit spricht, tun sich Welten auf, ohne daß sie viele Worte dafür
braucht. Für das Bühnenbild zu "Kampf des Negers und der Hunde" von Koltès, das sie vor zwei Jahren
für die Berliner Volksbühne gemacht hat (Regie: Dimiter Gotscheff), ließ sie Konfetti regnen. Mehr
nicht. ....