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Rezensionen unserer Korrespondenten

Liste aller Rezensionen

Ödön von Horvaths „Italienische
Nacht“

im Kleinen Haus des Dresdner Staatsschauspiels

Ödön von Horvaths „Italienische
Nacht“

im Kleinen Haus des Dresdner Staatsschauspiels



Ödön von Horvath entstammte dem ungarischen
Kleinadel. Sein Vater stand in diplomatischen Diensten der
Donaumonarchie. Der Sohn versuchte erfolgreich, wie Brecht und andere,
das Volksstück zu erneuern und veraltete Typen durch heutige
Menschen zu ersetzen. Unter dem ironischen Titel:
„Geschichten aus dem Wiener Wald“ agieren scheinbar
gutnachbarlich einander verbundene Leute: der für seine
Würste geschätzte Fleischer, die einen Studenten
aushaltende Trafic-Betreiberin, der Offizier, der bedauert, dass der
Krieg nicht später zu Ende ging, denn dann wäre die
Majorspension ihm sicher gewesen. Bei Horvats Menschen herrschen hinter
vorgegebenen Freundlichkeiten und einem scheinbaren Wohlwollen
überall Unaufrichtigkeit, Kälte und
Brutalität. Der Sohn des Fleischers bedroht das begehrte
Mädchen beständig mit dem gleichen Satz:
“Du wirst meiner Liebe nicht entgehen“.



„Italienische Nacht“, das Volksstück in
sieben Bildern, ist ein politisches Signal gegen den Faschismus.
Gleichsam als Vorreiter dieser Richtung saßen Horthy in
Ungarn und Mussolini in Italien fest in den Sätteln ihrer
Macht. Auch in Deutschland taten sich reaktionäre
Kräfte zusammen, um Demokratie und Menschenrechte zu
beseitigen. Die Reichstagswahlen im September 1930 brachten der NSDAP
das fünffache der Stimmen der vorigen Wahl. Die
Nationalsozialisten bauten schon sehr früh
paramilitärische Verbände (SA, später SS)
auf, mit denen sie auf Straßen, Plätzen und
Sälen Prügeleien begannen und oft Waffen einsetzten.
Sie brachten den Terror in die Politik. Dass Politik den Charakter
verderbe, durften selbst Wirte in ihren eigenen Parteilokalen
äußern. Ödön von Horvath hat diese
Erscheinungen und Tendenzen sehr aufmerksam wahrgenommen und zu einem
lebendigen Zeitbild geformt. Über den Aufführungen
der Entstehungszeit stand das grausige Zeichen der faschistischen
Machtergreifung. Heute muss eine Inszenierung dieses Stückes
helfen, den Anfängen zu wehren.

Im republikanischen Schutzverband einer süddeutschen
Kleinstadt hatte sich die Meinung herausgebildet, dass solange es den
Schutzverband gäbe, könne die Republik ruhig
schlafen. Andersdenkende werden ausgeschlossen. Wie Martin, der sich
darüber erregt, dass die Unternehmer die Republik prellen.
Während die Schutzbündler arglos ein abendliches
Sommerfest vorbereiten, demonstrieren die Faschisten ihre Macht auf der
Straße. Als sie in das Stammlokal des Schutzbundes eindringen
wollen, finden sich einige beherzte Gäste spontan zusammen und
drängen die Rädelsführer von dem bedrohten
Gebäude ab. Auch dieses Volksstück verdient seinen
guten Schluss, der in der Rezeption relativiert wird. Obwohl sich der
Stadtrat an der Vertreibung der Faschisten nicht beteiligt hat,
beschließt er die Episode mit der provokatorischen Phrase:
“Kameraden! Solange es den republikanischen Schutzverband
gibt – und ich ihr Vorsitzender bin, solange kann die
Republik ruhig schlafen.“



Die Inszenierung von Tilmann Köhler hat einen doppelten Boden,
sie ist Theater auf dem Theater. Aus dem Zuschauerraum kommen zu der
aufmunternden Musik von Jörg-Martin Wagner, in flotter,
farbenfroher Kleidung und Kassettenrekorder in den Händen vier
Studentinnen (Sarah Bonitz, Annett Krause, Sophia Löffler,
Ines-Marie Westernströer) und sechs Studenten (Benedikt Kauff,
Christian Clauß, Henner Momann, Thomas Schumacher, Moritz
Löwe, Eike Weinreich) auf die Bühne. Sie bilden einen
Spieltrupp, der nicht nur die Stückvorlage darstellt, sondern
auch Beziehungen zwischen den Darstellern erkennen lässt. Im
Unterschied zum Volksstück "Geschichten aus dem Wiener Wald"
und zu anderen Werken Horvaths handelt die "Italienische Nacht" nicht
von problematischen Naturen oder inkommensurabellen Charakteren. Die im
Umkreis des republikanischen Schutzbundes lebenden Menschen sind auf
ihre politischen Beziehungen mehr oder weniger reduziert. Energie und
Spielfreude, immer aber maßvoll und exakt, die
Körpersprache bis ins Artistische steigernd,
natürliche Sprechweise als künstlerischer Gewinn sind
Qualitätsmerkmal dieser hervorragenden Inszenierung.

Die Einstudierung hat einen durchgehenden akzentuierenden Charakter
(Dramaturgie Beret Evensen). Das letzte Bild besteht aus einer
Gruppenszene, der Vertreibung der Faschisten und einer aggressiven
Einzelrede der Frau des Stadtrats (Annett Krause). Dreißig
Jahre lang hat ihr Mann sie missachtet und ausgenutzt. Und wie dieses
unmündige Wesen zum Vorbild für ihre Mitmenschen
aufsteigt, das gestalte Annett Krause auf widerspruchsreiche und
bewegende Weise.

Nachträglich sei noch die im Bühnenbild (Karoly Risz)
und den Kostümen (Susanne Uhl) wiederkehrenden
gegensätzlichen Farballegorien, Schwarz-Rot-Gold und
Schwarz-Weiß-Rot verwiesen. Gesungen wurde die Loreley, die
dritte Strophe des Deutschlandliedes (deutsche Nationalhymne) und die
ebenfalls umstrittene zweite Strophe des gleichen Liedes. Die
Einstudierung des mehrstimmigen Gesanges besorgte auf vorbildliche
Weise Thomas Mahn. Perfektion auch hier.



© Heinz Arnold



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